Essen und Trinken – eine Lebensnotwendigkeit!

 

 

Für die einen verbunden mit der Mühsal, der Sorge um das tägliche Brot, für die anderen verbunden mit Freude und geselligem Leben.

Die Frauenrechtlerin und Schriftstellerin Louise Otto-Peters setzte sich im 19. Jahrhundert mit diesen beiden Polen des Essens und Trinkens auseinander. Sie thematisierte in ihren journalistischen Texten, Gedichten und Romanen sozialkritisch Hungersnöte, Alkoholmissbrauch und das Essen als Gesellschaftsereignis. 

Im Archiv der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e. V.  kann man vieles über dieses facettenreiche Thema entdecken.

 

Hungersnot:

Die Hungersnot 1846/47, die unter anderem durch die Kartoffelfäule 1844 verursacht wurde, führte insbesondere bei der ärmeren Bevölkerung zu viel Leid und Hunger. Die Ernten waren schlecht und die Nahrungsmittel wurden immer knapper. Louise Otto-Peters beschäftigte sich in ihrem Werk „Schloss und Fabrik“ von 1846 mit der Armut der Proletarierinnen und Proletarier. Auch in ihrem Gedicht „Klöpplerinnen“ (1846) und der Erzählung „Spitzenklöpplerinnen“ (1849) stellte sie die Hungersnot und die soziale Ungerechtigkeit in den Mittelpunkt. Nach dem Lesen dieser Werke, bleibt ein Gefühl von Unbehagen zurück, da die Unterschiede zwischen der wohlhabenden Gesellschaft und den ausgebeuteten Arbeiterinnen und Arbeitern offensichtlich werden. So sollte das Gewissen der Wohlhabenden geweckt werden.

Rebellionen gegen die Hungersnot waren im Vormärz örtlich begrenzt. Im Frühjahr 1847 gab es Demonstrationen und Unruhen in Dresden (Brodtumulte) und vielen anderen kleineren Städten. Louise Otto-Peters sorgte für deren Bekanntwerden in anderen Teilen Deutschlands, indem sie Korrespondenzen zu bundesweiten Zeitungen aufnahm und berichtete auch über die Bemühungen der Regierung, eine Grundordnung und -versorgung wiederherzustellen.

… Es ist „alle Brodtaxe aufgehoben …. Ferner sind die einheimischen Bäcker verpflichtet worden, …der Behörde anzuzeigen, zu welchen Preisen sie gesonnen sind, das Pfund Brot zu verkaufen, wonach dann durch öffentlichen Anschlag bekannt gemacht wird, wo das billigste Brot zu haben ist - Das ist doch einmal eine Verordnung, über die man sich freuen kann!“[1]

So wurde es für die auswärtigen Bäcker auch wieder profitabel, ihr Brot in Dresden anzubieten.

 

Trunksucht:

In der „Correspondenz aus Dresden“ wird auch kritisiert, dass das Verbot des Branntweinbrennens zu spät erfolgte.[2] War das ein erforderliches Grundnahrungsmittel? Sicher nicht, aber für einige Menschen erforderlich, um vom Nachdenken über die eigene Lage abzuhalten.

Louise Otto-Peters berichtet ebenfalls über dieses Thema im Roman Schloss und Fabrik. Sie beschreibt die verschiedenen Arten des Umgangs mit Alkohol in Gaststätten. Eine Gruppe Arbeiter verfällt dem Branntwein und der Spielsucht, was dazu führt, dass sie immer mehr Schulden aufbauen. Andere Fabrikarbeiter treffen sich und verbringen die Abende zusammen, um zu singen, an Vereinsaktivitäten teilzunehmen und Bier statt Branntwein zu trinken. Sie streben danach, ihre Lage zu verbessern und nicht in die gleiche Schuldenfalle wie ihre Kollegen zu geraten. Außerdem helfen sie sich gegenseitig durch die Einrichtung einer gemeinsamen Vereinskasse, die Familien in Not durch Kredite unterstützen kann. Mit dem kontrastiven Gegenbeispiel der Fabrikarbeiter, die sich zusammenschlossen und dem Brandwein-Missbrauch abschworen, kritisiert sie den übermäßigen Alkoholkonsum umso stärker.

Aber Trunksucht beschäftigte nicht nur Männer. Auch Frauen waren bereits zur damaligen Zeit mit dem Thema Alkoholkonsum beschäftigt, wie einige Artikel unter dem Stichwort Alkohol in verschiedenen Ausgaben der Neuen Bahnen belegen.

Im Jahr 1898 wurde in den Neuen Bahnen, Organ des Allgemeinen Deutschen Frauenverein, ein Artikel mit dem Titel „Die Frauen und die Alkoholfrage" veröffentlicht. Es wird deutlich, dass auch bei Frauen die Trunksucht schnell gestiegen ist. Laut der Autorin wurden 1877 keine Frauen in der Krankenhausstatistik erfasst, im Jahr 1885aber konnten bereits 757 Tote im Zusammenhang mit Alkoholmissbrauch verzeichnet werden. Dafür übertrug man dem Vater oder Ehemann eine bedeutende Verantwortung. Er würde die Trunksucht den Kindern vererben[3] und verstärke somit die Verbreitung des Alkoholismus beim anderen Geschlecht. Frauen waren nicht nur als Abhängige betroffen, sondern organisierten sich auch, um etwas dagegen zu unternehmen. So findet man in den Neuen Bahnen ebenfalls Texte vom und über den „Bund deutscher abstinenter Frauen“. Ziel des Bunds war es, Frauen zu helfen und den Alkoholismus zu bekämpfen. 1907 kam es sogar zu einem internationalen Kongress gegen den Alkoholismus in Stockholm.

 

table d’hôte:

Bis heute wird ein Glas Wein zum Mittag oder zum Abend als etwas Beliebtes, für die Geselligkeit erforderliches angesehen.

In Reiseberichten, Novellen und Erzählungen, aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, lesen wir häufig Berichte über Treffen am table d’hôte, dem Tisch im Gasthaus für Gäste des Hauses.

Natalie saß „an der heute besonders belebten table d’hôte … Herr Bartenstein benutzte eine Schüssel, die er Natalie zu reichen hatte u. deren Inhalt er ihr anprieß … jetzt schenkte er den Damen aus einer eben ankommenden Flasche Champagner ein, die er bestellt, da ihm der fränkische Tischwein nicht genügte, das Knallen des Pfropfens, das erste Ablehnen u. doch endliche Annehmen der drei Damen u. leise Anstoßen auf gute Nachbarschaft u. Kur gab dem Gespräch eine andere Wendung….[4]

An solchen table d’hôte saß auch Louise Otto-Peters während ihrer Reisen und verarbeitet Erfahrungen und Eindrücke anschaulich.

So saß sie zum Beispiel in Weimar einmal neben einem Grafen aus Homburg. Dabei handelten die Gespräche von verschiedenen Anekdoten über Menschen, die nach dem Besuch beim Grafen und dessen Spielstätte „ein wenig veränderte Finanzen hatten“. Diese stießen bei ihr auf Abneigung und so verließ Louise den Tisch, wie sie selbst berichtete:

„Als das Dessert kam erzählte ich auch eine Spielanekdote; sie klang ein Wenig anders. Ihre Pointe war nicht eben sehr lustig – sie war der Selbstmord eines ehrlichen wackren Mannes – am Schluß hatte ich von zum Himmel schreienden Witwen u. Waisenthränen zu berichten. Ich stand auf als ich auserzählt, schob meinen Stuhl zurück und verließ rasch den Speisesaal.“[5]

Aber auch über das Verhalten von Zeitgenossen in Leipzig, z. B. Herloßsohn am table d’hôte berichtet sie anschaulich:

„Das „Hôtel de Pologne“ in der Hainstraße war damals neu erbaut u. galt für das confortabelste der Stadt. … Mittag betheiligten sich viele an dem auserlesenen table d’hôte u. viele Fremde nahmen da ihr Absteigequartier so wohl von diesen geistigen, wie von den leiblichen Genüssen angezogen. Auch Herloßsohn gehörte zu den Stammgästen am Abend wie zu der mittäglichen Tafelrunde. … Herloßsohn hatte ja die ganze Tafel belebt u. mit seinem Humor belebt [er bezahlt seine Rechnungen nicht und der Wirt verweist ihn nach vielen Mahnungen des Hotels; H. wählt ein anderes Hotel, mit ihm viele Nichtleipziger und Collegen; Der Wirt gibt klein bei, H. kehrt zurück] H. sagt: „Nun gut, so seien wir beide ehrliche Kerle. Sie hätten von mir doch nie Geld bekommen u. sehen nun ein, daß es Ihr Schade nicht sein wird“[6]

 

Louise Otto-Peters Texte verdeutlichen bis heute den klaffenden Spalt zwischen Unten und Oben in der Gesellschaft Mitte des 19. Jahrhunderts. Die einen litten unter Hunger und Alkoholismus und setzten ihre Existenz wortwörtlich aufs Spiel. Die anderen konnten gemeinsam an reich gedeckten Tischen lachen. Aus ihren Erzählungen, Berichten, Romanen und Gedichten geht aber auch hervor, wie Menschen sich zu helfen versuchten, indem sie sich zusammenschlossen.

 

Besuchen Sie uns gerne im Archiv, wenn Sie neugierig geworden sind und weiter recherchieren möchten!

 


[1] N.N.: Correspondenzen aus Sachsen. In: Jahreszeiten - Neue Hamburger Modezeitung, 1847, S.708.

[2] Vgl. N.N.: Correspondenzen aus Dresden. Jahreszeiten - Neue Hamburger Modezeitung, 1847, S.852ff.

[3] Man nahm im 19. Jahrhundert fälschlicherweise an, dass Alkoholismus vererbt werden würde. Das ist eine Argumentation, die man auch beim NS-„Euthanasie“-Programm findet. Alkoholismus galt in NS-Zeiten als erblich, Alkoholkranke wurden deswegen sterilisiert und im schlimmsten Fall ermordet.

[4] “Kurgäste“ Louise Otto 1890 von der LOPG e.V. transkribiert, noch unveröffentlicht.

[5] Otto-Peters, Louise, Journalistische Reisebriefe Thüringen 1845, Brief Erfurt.

[6] Otto-Peters, Louise, Litterarische Erinnerungen II.


Zum Weiterlesen, verwendete Literatur und Quellen (Auswahl):

Schloß und Fabrik: Otto-Peters, Louise: Schloß und Fabrik. 1. Aufl. Leipzig, Hentschel & Hentschel 2021

Alkohol, Kongress 1906:

Stockholm: Internationaler Kongreß gegen den Alkoholismus. In: Neue Bahnen. 13 (1906) S. 100

Jahreszeiten: Jahreszeiten, Hamburger Neue Mode – Zeitung. – C. F. Vogel: Hamburg

Klöpplerinnen: In: Frauen-Zeitung / Hsg. Louise Otto. Großenhain 29 (1850) S. 7

Spitzenklöpplerinnen: In: Frauen-Zeitung / Hsg.: Louise Otto. Großenhain 2 (1849) S. 4 - 6

                                                                                                                           5 (1849) S. 1 – 4

                                                                                                                           6 (1849) S. 1 - 4

 

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