160 Jahre "Neue Bahnen"

Feministische Archivpraxis und Wissenstransfer im Louise-Otto-Peters-Archiv

“ - und darum haben wir dies Blatt gegründet, damit wir die große Frage der neuen Frauenbewegung, ihrer Berechtigung, ihrer Grundzüge, ihrer Bestrebungen und ihrer Resultate vor aller Augen offen darlegen, Irrthümer berichtigen, unklare Vorstellungen aufhellen und unsere Ansichten über die Stellung der Frauen, über ihre Rechte und Pflichten entwickeln können. [...]

Wir bieten unseren Leserinnen [...] auch Unterhaltung und Belehrung [...] und vor Allem werden alle Angelegenheiten des allgemeinen deutschen Frauenvereins, dessen Organ die ‘Neuen Bahnen’ sind, Berücksichtigung finden.”

Die Herausgeberinnen, 1865

Die Gründung des ADF und die Rolle der „Neuen Bahnen“ als Vereinsorgan

Mit der Gründung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (ADF) im Oktober 1865 legten Louise Otto-Peters (1819–1895) und ihre Mitstreiterinnen den Grundstein der organisierten deutschen Frauenbewegung. Um Unterstützer:innen und Aufmerksamkeit für die Anliegen des Vereins zu gewinnen, gründeten sie eine Vereinszeitschrift: die Neuen Bahnen.

In verschiedenen Rubriken informieren die Neuen Bahnen über die Vorgänge der Frauenbewegung, das Geschehen und die Entwicklungen in den verschiedenen Zweigvereinen, über Petitionen und allgemeine Fragen wie das Frauenstudium, Berufsbildung, die Öffnung neuer Berufszweige, aber auch über das politische Zeitgeschehen, technologische Neuerungen sowie nationale und internationale Initiativen.

Bereits zwei Monate nach Gründung des ADFs erschien die erste Ausgabe im Dezember 1865 in einer Auflage von 600 Stück. Danach erschien sie über 50 Jahre lang in einem 14-tägigen Rhythmus. Bis in die 1890er Jahre hinein waren die Neuen Bahnen das dominante Medium der deutschen Frauenbewegung. Sie sind Informationsorgan und Aushandlungsort der eigenen Vorstellungen. Zudem können die Rezeption und Auswirkungen der Zeitschrift bis in einzelne Personenbiografien nachvollzogen werden. Ein Blick in die Neuen Bahnen lohnt sich also, um ein besseres Verständnis für die historische Beschäftigung mit der Frauenbewegung im 19. Jahrhundert zu erlangen. Sie ist ein Fundus an historischen Quellen, Belegen und Beispielen.

 

Wie kamen die Neuen Bahnen ins Louise-Otto-Peters-Archiv?

In den 1990er Jahren erkannten die Gründerinnen der LOPG e.V. den Wert der Zeitschrift und begannen, die Jahrgänge der in Deutschland kaum zugänglichen Neuen Bahnen zusammenzusuchen. Die einzelnen Jahrgänge wurden aus den gefundenen Mikrofichen vervielfältigt und danach händisch gebunden. Heute besitzt das LOPA besitzt als Kopien ein umfangreiches, zusammenhängendes Konvolut an ausgedruckten und gebundenen Ausgaben von den Jahrgängen 1866 bis 1912 mit wenigen Lücken.

Dazu wurde ein analoges Schlagwort-, Orts- und Personenregister für die Ausgaben von 1866 bis 1895 erstellt, das heute als Herzstück des Archivs gilt. Es umfasst bis zu 35.000 Karteikarteneinheiten.

In der Vergangenheit fanden im LOPA verschiedene Forschungsarbeiten zu den Neuen Bahnen statt. Diese Arbeiten sind selbst Teil feministischer Bewegungsgeschichte und sollen im Projekt erstmals systematisch aufgearbeitet werden.

 

Essays, Interview und Veranstaltung

Nachdem im letzten Jahr im Rahmen eines SODG-geförderten Projektes der LOPG e.V. die Frauenkonferenz 1865 hervorgehoben worden ist, wollen wir uns in diesem Jahr - anlässlich  des 160-jährigen Jubiläums der ersten Ausgabe - den Neuen Bahnen und ihrer Rezeption bis in die Gegenwart widmen. 

In dem diesjährigen DDF-Projekt wollen wir die digitale Nutzbarkeit der Neuen Bahnen weiter vereinfachen und uns zugleich mit der Bewegungsgeschichte des Archivs seit den 1990ern auseinandersetzen. Dazu wollen wir in einem Essay den archivischen Arbeiten an den Neuen Bahnen im LOPA nachgehen und auf den Spuren der Archivgründerinnen wandeln. Wir wollen wissen: Wie sind sie vorgegangen? Was haben sie herausgefunden und welche Motivationen steckten dahinter? Welche Netzwerke gab es? Hat man sich mit anderen Archiven und Frauenbewegten vernetzt? Zur Veranschaulichung des Essays werden zudem ausgewählte Objekte aus dem Nachlass Johanna Ludwig digitalisiert.

Ein weiterer Essay wird über LOPG-Mitbegründerin Dr. Gisela Notz entstehen und ihre Bedeutung als Aktivistin, Herausgeberin und zentrale Stimme für die historische Frauenforschung und den feministischen Wissenstransfer hervorheben. Dieser wird von Gerlinde Kämmerer verfasst.

Das 160-jährige Jubiläum soll zudem in einem Veranstaltungsformat gebührend gewürdigt werden, welches die Bedeutung der Neuen Bahnen als Informationsorgan der Frauenbewegung und Aushandlungsort zeitgenössischer, feministischer Debatten mit gegenwärtigen Perspektiven feministischer Journalistik verbindet.

 

Datenanreicherung im META-Katalog

In einem 2019 geförderten Projekt, welches bis 2023 ehrenamtlich weitergeführt wurde, wurden 47 Jahrgänge mit 456 Heften für Faust und den Meta-Katalog erfasst sowie 141 Artikel tiefenerschlossen. Das Projekt 2026 möchte auf diesen Grundlagen aufbauen.

So wollen wir in diesem Jahr die digitale Zugänglichkeit und Durchsuchbarkeit der Neuen Bahnen im Meta-Katalog verbessern und unsere Netzwerke im i.d.a-Dachverband stärken, indem wir unsere Meta-Daten aus dem LOPA mit den digitalisierten Jahrgangsheften aus dem Archiv der deutschen Frauenbewegung (AddF) in Kassel verknüpfen. Die Kombination aus den tiefenerschlossenen Daten des LOPAs mit direktem Digitalisat-Zugang ermöglicht eine verbesserte systematische und digitale Durchsuchbarkeit nach Titeln, Autor:innen und Beschreibungen. Dies bietet einen signifikanten Mehrwert für die Nutzer:innen des Meta-Katalogs, da Forschende nicht mehr zwischen verschiedenen Datenbanken und Archiven wechseln müssen.

Unser Projekt zeigt: Archive sind lebendige Orte. Sie ermöglichen nicht nur den Zugang zu bedeutenden Quellen, sondern inspirieren auch Engagement und neue Ideen. Wer die Spuren der Vergangenheit kennt, kann selbst „neue Bahnen“ gehen und gesellschaftliche Veränderungen aktiv mitgestalten.