Interview mit Susanne Scharff

geführt für die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V. von Kathrin Will am 5. Juni 2023 in Leipzig

Nach dem Transkript überarbeitete und redigierte Fassung von Laura Peter und Kathrin Will.

Rechte vorbehalten.

 

I: Wir führen heute ein Interview am 5. Juni 2023 mit Susanne Scharff, bei ihr zu Hause in Leipzig. Und das Interview führt Kathrin Will, außerdem anwesend ist Laura Peter. Wir würden als Einstieg und zu deinem Hintergrund fragen: Erzähle uns doch mal, was du für einen Bezug zu Leipzig hast?

 

B: Keinen ganz einfachen. (lacht) Ich habe in Berlin studiert, da auch meinen Mann kennengelernt. Das war vor der Wende. Dort sind alle wesentlichen Sachen passiert. Ich bin schwanger geworden. Ich habe dort viele Freundinnen und Freunde aus der ganzen Welt gehabt. Das war damals auch vor der Wende in Berlin noch möglich und insofern hat mich Leipzig interessiert wie die letzte Wasserstandsmeldung. Ich wollte nicht hierher. Es hat noch ganz lange gedauert. Ich habe mich dann in meinem Garten angefangen, einzuwurzeln, eines Tages. Aber heute ist es so, dass ich mich freuen kann, dass ich hier bin. Außerdem wird es jetzt hier auch bunt. Man hört jetzt auch hier verschiedene Sprachen auf der Straße und dadurch, dass ich gewechselt bin, in wieder eine andere Generation und sehe, wie aktiv, die neuen Generationen sind, das macht mich total froh. Und ich bin versöhnt mit Leipzig. Mehr als versöhnt.

 

I: Mir ist bekannt, dass du die MONAliesA gegründet hast. Könntest du davon ganz kurz erzählen, wie das kam und war?

 

B: Ich hatte eine ziemliche Unzufriedenheit vor der Wende und konnte das nicht bestimmen, nicht orten und nicht ändern. Und als die Wende kam und die Möglichkeiten, ohne ins Detail zu gehen, hatte ich mehrere Explosionen im Kopf, im Herzen, in der Brust. Als ich mich dann dafür entschied, von den Sachen, die ich begonnen hatte, mit der MONAliesA weiterzumachen – weil mich das dann doch am meisten interessiert hat und weil da auch bis dato noch niemand groß war, um mitzumachen – habe ich die Möglichkeit gehabt, die Bücher, die ich rangeschafft habe, auch selbst zu lesen. Und ich hatte das Gefühl, ach Gott, hier ist überall von mir selbst die Rede. Woher wissen die das, wie eine Frau sich fühlt? Und ich habe dann nach und nach angefangen zu verstehen, viele Dinge zu verstehen. Also Anfänge erstmal nur. Und dann kamen auch nach und nach Frauen dazu, die geblieben sind, auch um zu helfen. Wir wurden eine Gemeinschaft. Ich habe alles Beglückende erlebt, was man sich vorstellen kann in dieser Gemeinschaft. Und ja, insofern hat mich das auch 15 Jahre lang gehalten, auch durch ganz schwierige Zeiten getragen. Und auch die Gemeinschaft, nicht nur die in der MONAliesA, sondern auch in den deutschsprachigen Frauen-Bibliotheken und Archiven, zu denen ich dann Kontakt gesucht habe, als ich erfahren habe, es gibt woanders so etwas auch. Das wusste ich doch alles nicht. Das habe ich im Emma-Kalender gelesen. Und ja, dann gab es natürlich die Freundschaften oder auch die Arbeitsbeziehungen zu anderen Frauenprojekten, die sich gegründet hatten, in Leipzig. Die kannte ich ja alle aus der Runde Fraueninitiative Leipzig und das war also hochbeglückend.

 

I: Eine der anderen Initiativen, die sich gegründet hat, war 1993 die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V. und du warst bei der Gründung dabei. Kannst du uns davon erzählen?

 

B: Johanna Ludwig, die ich vermutlich 1992 kennengelernt habe, hatte Lust, zu Louise Otto-Peters zu arbeiten und immer mehr zu entdecken. Und sie wusste, dass ich wie sie aus dem Erzgebirge bin. Und dann gab es eben auch im Erzgebirge etliche Spuren. Und wir haben uns gut verstanden und auch fast täglich im Haus der Demokratie gesehen, weil sie dort eine Stelle angetreten hatte und ich dort auch gearbeitet habe. Wir konnten uns also unkompliziert verständigen. Und sie hat gefragt, ob ich mitmachen würde bei einer großen Sache, die sie vorhat. Es hat mich auch gefreut, dass sie mich gefragt hat. Und es waren etliche Frauen schon auch mit dabei. Und auch Männer, die ich zum Teil auch kannte, weil wir viele Veranstaltungen zusammen gemacht haben, sowohl in der MONAliesA als auch eben dann später in der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft. Es gab dann später weiterhin viele Begegnungen, also unkompliziert über den Gang. Irgendwann ist Johanna dort nicht mehr gewesen. Sie hat dann das Archiv gegründet. Aber dort fanden ja auch Veranstaltungen statt, und auch dort haben wir uns gesehen. Und wir haben uns auf den Archivetreffen gesehen, die fanden ja immer in einer anderen Stadt statt. Und wir, die MONAliesA hat auch zwei ausgerichtet. Eins 2000, und das andere 1993. Da haben wir dann mit der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft zusammengearbeitet. Wir haben, was das Henriette-Goldschmidt-Haus betrifft, viel zusammen gemacht, um zu verhindern, dass es abgerissen wird. Der Skandal ist aber passiert, es war auch ein schlimmer Filz in der Stadtverwaltung. Leipzig hat sich da nicht mit Ruhm bekleckert. Nun ist das Haus weg. Wir hatten zusammen dann die Idee, wenn es das Henriette-Goldschmidt-Haus nicht mehr sein kann, vielleicht gemeinsam in ein anderes Haus zu ziehen. Also wir hatten ständig irgendwelche Pläne, wovon sich die Hälfte dann immer wieder verworfen hat. Aber egal. Und dann, was mich sehr gefreut hat, das war der zehnte Geburtstag von der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft. Der wurde jedenfalls groß begangen und gefeiert. Und da hat sie, Johanna Ludwig, mich gefragt, ob ich zur MONAliesA auch was erzählen will. Und das hat mich besonders gefreut, weil ich da schon aus der MONAliesA raus war und schon deutschlandweit als Dozentin gearbeitet habe. Und dann in den eigenen Reihen noch mal zu berichten, das war eine der ersten Erfahrungen, da will ja jemandem nochmal was wissen, das hat mich unheimlich gefreut. Also auf der menschlichen Ebene war das auf jeden Fall immer ein beglückendes Erlebnis, auch mit den anderen Frauen. Es sind ja viele schon gestorben, leider. Tolle Frauen, die den Verein mitgegründet haben und die sich super engagiert haben. Ja, es sind schöne Freundschaften entstanden, die bis heute halten.

 

I: Du hast jetzt schon ein paar Sachen angeschnitten, auf die ich später noch zurückkomme. Ich würde erstmal bei der Anfangszeit bleiben. (I: Ja.) Hast du nach der Gründung der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft Aufgaben oder Ämter übernommen?

 

B: Habe ich nicht, nein. Ich habe das gar nicht geschafft. Also die MONAliesA, das war eine Vollblut-Geschichte. Das hätte ich nicht guten Gewissens machen können. Aber ich habe Johanna immer gesagt, wenn wir etwas zusammen auf die Beine stellen, eine Veranstaltung zusammen organisieren… Wir haben auch etliches zu Frauen und Erwerbstätigkeit gemacht, weil das auch so ein großes Thema war bei Louise Otto-Peters selbst: Frauen und Erwerb. Also da habe ich auch noch einmal ganz neu verstanden, in diesen gemeinsamen Veranstaltungen, was die uns auch für Wege geebnet hat. Also wir gehen heute ganz normal arbeiten. Aber dass das mal irgendjemand sagen musste und nicht irgendjemand, eben eine Frau, und das immer wieder betont hat, wie wichtig das ist für die Unabhängigkeit der Frau. Oder zum Beispiel auch dieser Satz, der ist mir auch bis heute durch diese Veranstaltungen eingebrannt in jede Zelle: „Und wer an sich selbst vergisst zu denken, wird auch von allen anderen vergessen werden.“ Das hat mich zum Beispiel 1992 oder 1993 dazu gebracht, alles, was irgendwie in der MONAliesA war, an Flyern und so, was wir gemacht haben, alles handgemacht damals noch, zu sammeln, denn wir hatten gar nichts über die Anfänge. Und ich hatte vorhin gesagt, da war jeder Tag anders. Also, ich konnte mir bei diesem Wahnsinn, den das bedeutet hat, so etwas aufzubauen, nicht vorstellen, woanders noch Ämter zu bekleiden. Aber ich habe gesagt, ich mache alles mit, wenn wir irgendetwas Gemeinsames auf die Beine stellen.

 

I: Wie hat die Zusammenarbeit zwischen der MONAliesA und der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft funktioniert? Wie können wir uns das vorstellen?

 

B: Also, wenn wir zum Beispiel entweder im Archiv oder bei uns in der MONAliesA eine Veranstaltung organisiert haben, dann haben wir das gründlich vorbereitet. Das ist immer sehr schön gewesen. Bei allem, was sich wiederholt hat und wo eine gewisse Routine damit sich auch eingestellt hat oder auch eine Sicherheit, ist es mir trotzdem, auch bis heute, lieber, so zu arbeiten. Also, wir setzen wir uns hin, wir gucken ganz genau, was will die andere Seite? Was soll rauskommen, wer soll eingeladen werden? Wer spricht wen an? Wer hat die besseren Presseverbindungen? Oder wer bereitet was vor? Und dann hatten wir unseren jeweiligen Nachmittag oder Abend. Es gab auch Auswertungsgespräche. Wir haben uns damals noch sehr viel persönlich gesehen und sind uns begegnet. Das war leicht, weil wir einfach nur über den Gang gehen mussten. Wir haben auch damals noch in der Nähe gewohnt, also sehr in der Nähe sogar. Ich weiß ich nicht, vielleicht 500 Meter auseinander. (I: Du und Johanna Ludwig?) Ja, und ich war eben auch mal bei ihr zu Hause, also nicht ständig. Aber ich habe Bilder im Kopf und ich bin auch glücklich darüber, dass ich die habe. Diese vielen Bücher und diese Akten überall. Und trotzdem hat auch sie, genau wie ich, immer gewusst, was wo ist. Das gewisse Papier haben wir immer aus irgendeinem Stapel rausgezogen gekriegt. Und ja, sie war ein Heißblut. Das war ich auch. Und wir haben uns, glaube ich, auf eine gute Weise gespiegelt.

 

I: Wen hast du durch die Arbeit mit der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft kennengelernt?

 

B: Annerose Kemp zum Beispiel. Rita Jorek zum Beispiel. Das sind zwei Frauen, die ich auch wahnsinnig schätze. Und über Rita Jorek dann wiederum die, zu denen Rita Jorek geforscht hat. Das ist ja das Schöne am Netzwerk, du lernst Frauen kennen, die erzählen dir was zu ihren Themen. Elsa Asenijeff und wie sie alle heißen, zu denen Rita was gemacht hat. Und dann haben wir Veranstaltungen in der MONAliesA dazu gemacht. Also das war wie ein großer Baum, der sich so verästelt und dann immer mehr entsteht und das alles aufblüht und überhaupt nicht anstrengend war. Ja, also ich musste nicht gucken, wen könnte ich denn mal einladen, sondern man hat ständig jemanden kennengelernt und hat spannende Gespräche geführt. Und ja, in der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft konnte man sehr spannende Frauen kennenlernen. Auch eine ganz wichtige Frau, Godula Kosack, die mit ihrem heißen Herzen und mit ihrem Tatendrang ganz viel für die Rettung des Henriette-Goldschmidt-Hauses gemacht hat. Auch manchmal grenzwertige Sachen. Also das ist nicht in meiner Einschätzung grenzwertig, sondern was so allgemein vielleicht als grenzwertig gilt.… Das heißt, ich sehe sie heute noch vor mir, wie sie da in dieses Haus klettert, weil kein Schlüssel da war, und wir einfach auf verschiedene Weise versucht haben, das Haus vor dem Abriss zu beschützen. Und sie hat einfach vor gar nichts Angst. Es gab ja in eine Kulturamtsmitarbeiterin, die das Haus einfach gekauft hat, für wenig Geld und dann für wahnsinnig viel Geld verkauft hat, die nicht belangt wurde bis heute. Und ja also, Godula hat auf jeden Fall versucht, juristische Schritte einzuleiten. Das ist verbrieft, das weiß ich auch. Aber ich weiß nicht mehr genau, was sie gemacht hat. Ich weiß nur, dass ich von ihr lernen konnte, sich so zu wehren. Wir haben uns alle oft immer nur geärgert, aber dass man dann ganz konkret auch etwas unternimmt, habe ich in dieser Zeit gelernt. Und natürlich hat auch Godula dann wiederum in der MONAliesA erzählt, über ihre Arbeit in Afrika und über Mädchenarbeit und, und, und. Wir sind dann auch privat Freundinnen geworden. Es hört sich ein bisschen märchenhaft an, aber es war wirklich auch ein großes Märchen, dieses Ganze. So fühlt es sich jedenfalls an.

 

I: Du hattest vorhin erwähnt, dass die MONAliesA Archivetreffen ausgerichtet hat. Kannst du uns von diesen deutschlandweiten, oder sogar über Deutschland hinausgehenden, Treffen und Besuchen erzählen? Und dann entsprechend auch von denen, die in Leipzig von euch ausgerichtet wurden?

 

B: Ich hatte in einem Emma-Jahreskalender hinten in der Adressliste gesehen, dass es im Westen Frauen-Bibliotheken und -Archive gab, Frauen-Lesben-Bibliotheken und Archive. Es war ein ziemlich langer Titel. Und mich hat es auf dem Hintern gesetzt, weil ich dachte, das sind lauter Schwestern woanders, und ich habe es natürlich nicht gewusst, woher auch, es gab kein Internet damals. Und es ist auch nicht so, dass in der Stadt irgendwelche Flyer rumliegen und sagen, hier übrigens… Das muss man doch schon alles selbst machen. Dann habe ich die Archive angeschrieben. Und die haben mir gesagt: „Ach, da hast Du Glück, in Wien findet jetzt das nächste Treffen statt.“ Damals haben sich diese verschiedenen Frauen-Lesben-Archive noch zweimal im Jahr in irgendeiner deutschsprachigen Stadt getroffen, also Österreich, Schweiz und Deutschland. Später kamen dann noch deutschsprachige Gebiete dazu, aus Italien. Aber das habe ich, glaube ich, selbst nicht mehr wirklich miterlebt. Also das nächste Treffen war in Wien. Und das war ein tolles Zeichen für mich, weil Wien für mich die erste Stadt war, die ich im Westen gesehen habe und erlebt habe Und dort habe ich auch eine Frauenszene aktiv kennengelernt. Das heißt, dass dieses nächste Treffen von all diesen vielen Frauen dort stattfindet, hat mich extrem ermutigt, weil ich in Wien schon gewesen bin. Ich habe ganz lange gebraucht, bis ich in den Westen fahren konnte. Also das, was alle sofort machen wollten, ist mir nicht so gut gelungen. Da hatte ich nicht so einen Zugang. Aber ich habe sämtliche Städte gesehen, damals, in denen Frauen-Bibliotheken oder -Archive waren, im Laufe der Jahre und habe dann so meine Scheu verloren. Und in Wien habe ich also diese Frauen kennengelernt und das war Liebe auf den ersten Blick, muss ich sagen. Die mochten, dass ich so naiv und so unverbraucht war, das haben sie so gesagt. Und so frisch und „machen, machen, machen“. Und ich mochte, dass ich da Profis vor mir hatte, die das schon sehr viel länger gemacht haben, wo ich profitiert habe und auch wiederum von dieser Gemeinschaft profitiert habe. Also das war so stärkend dahinzufahren. Das war ja immer ein verlängertes Wochenende, mit wirklich vielen Besonderheiten. Also zum Beispiel ging es damals los, schon mit sehr bewusstem Essen auf diesen Treffen. Das ist nur eigentlich ein Nebending. Aber Essen in Respekt vor Mensch und Tier. Und so waren die ganzen Treffen. Es wurde versucht, auf vielen Ebenen sehr bewusst zu sein. Alle dürfen möglichst ausreden. Es hat nicht immer so geklappt, aber das kannte ich alles nicht. Das war alles Neuland. Und auch überhaupt diese Wertschätzung, das kannte ich so auch nicht aus dem Osten. Also da haben wir schon komische Sachen gemacht, mitunter. Ich habe fast 30 Treffen mitgemacht, ganz zum Schluss waren sie dann nur noch jährlich aus finanziellen Gründen. Und natürlich hatte ich recht schnell Lust, so etwas auch auszurichten. Und dann habe ich meinen Mann gefragt, der hatte in Leipzig eine Freie Schule gegründet. Diese Räume müssten wir nicht anmieten, sondern das sind kurze Dienstwege. (lacht) Die haben wir auch immer bekommen, jeweils in den Ortschaften, wo sie zu den verschiedenen Zeiten waren. Ich glaube, 1994 war das erste und 2000 dann das zweite. Das war dann schon in der Sekundarstufe von der Freien Schule. Das Organisieren war eine Freude, und dieses Einladen auch. Und diese andere Seite einfach mal zu erleben, also nicht nur eingeladen zu werden und diese Stadt kennenzulernen, sondern eben auch einen Frauenstadtrundgang anzubieten, mit als Begleiterscheinung. Das hat Gerlinde Kämmerer damals gemacht hat, die später auch in der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft war. Also ja, auch da wieder alles sehr unkompliziert, denn wir kannten uns alle und es waren kurze Wege. Es war manchmal nur ein Anruf oder man hat sich sowieso getroffen oder sich auf Veranstaltungen gesehen. So waren auch die Vorbereitungen von diesen Treffen, die in Leipzig stattgefunden haben, eine große Freude. Eine große Sache. Aber eben auch wirklich viel Herzklopfen. Da ist wirklich Blut in jedes Körperteil geflossen, bis – das habe ich gespürt – in die Fingerspitzen. Also sehr lebendig, einfach, habe ich mich immer da gefühlt. Und dann kann ich auch am besten arbeiten.

 

I: Du hast gesagt, dass du anfangs ein bisschen Scheu davor hattest, in den Westen, in irgendwelche Städte zu fahren. Das war ja auch insofern besonders, als dass man sich noch nicht begegnet war. Deswegen interessiert mich nochmal konkret, wie du die Aktivistinnen aus Westdeutschland erlebt hast? Wie sind sie dir begegnet?

 

B: Ich kann sagen und das gilt bis heute, denn es ist eine relativ einsame Meinung, ich habe vor allem das manchmal begründen müssen, aber dieses, was ich vorhin gesagt habe, dass sie für mich Spezialistinnen waren und kompetente, erfahrene Frauen, die das schon lange machen und die ein unglaubliches Bewusstseinslevel hatten… Die haben sich einfach um alles geschert, um alles Gedanken gemacht. Und das hat mir so einen Respekt abgerungen und da war so eine Vorbildwirkung. Wir haben gemeinsam überlegt, wie wir Bücher zugänglich machen können, wie wir Archive zugänglich machen können, wie wir Archive noch besser machen können. Und es gab bis auf eine einzige Veranstaltung, wo es mal wirklich Knatsch gab, aber nie den Fall, dass ich sagen könnte, „die Wessis“ oder dass sie mir irgendwie respektlos gegenüber gewesen wären. Oder den Frauen, die dann immer auch noch mitgekommen sind von der MONAliesA. Wir wurden ja dann immer mehr. Also es gab nicht dieses Konkurrenzdenken oder diese Ossi-Wessi-Gräben. Und ich habe mir manchmal überlegt, woran liegt es, dass das bei uns so gut klappt? Und ich dachte, das ist wie in einer wirklich guten Beziehung: Wir gucken in die gleiche Richtung. Wir haben ein Thema, ein gleiches Thema und haben dann nicht immer diese Unterschiede so betonen müssen. Und wenn die Unterschiede mal eine Rolle gespielt haben, dann war es eben dieses „Oh ja, du bist noch so frisch. Du steckst uns immer wieder richtig an, mit deiner Energie.“. Oder ich eben habe profitiert von diesen gestandenen Frauen und habe mir da auch manche Selbstsicherheit, also vielleicht klingt das komisch, aber wie abgeguckt. So kann man eben auch auftreten. Man muss sich nicht so ins Bockshorn jagen lassen. Und da habe ich ansonsten in anderen Berufsfeldern oder auch in anderen Zusammenhängen oft gehört, diesen Grabenkampf… Also Osten und Westen und Verdienst und so unterschiedlich. Das stimmt auch alles, das leugne ich auch nicht. Aber es hat bei uns keine Rolle gespielt. An eine Sache kann ich mich erinnern, die wirklich nicht so schön war. Da ging es um Statistik, da habe ich eine Arbeitsgruppe angeregt, weil selten darüber gesprochen wurde, mir zu selten, für wen machen wir das eigentlich? Und wer sind denn eure Frauen, die kommen? Ich habe das Gefühl gehabt, manchmal, die fühlen sich alle sehr wohl in ihren Archiven. Aber da kommen nicht so viele. Und wir haben ja unsere Frauen gezählt. Und wir hatten eine vierstellige Anzahl von Leserinnen. Die sind auch nicht jeden Tag gekommen. Da hätten wir ein echtes Problem gehabt. Aber wir haben eben mitgezählt. Und wir haben geguckt, was die ausleihen. Heute wäre das wahrscheinlich alles verboten, wegen Datenschutz. Aber für mich war das interessant, dann ich wusste, wir mussten zu diesem Thema noch mehr ranschaffen und zu diesem. Und dazu konnte ich mich mit meinen Kolleginnen aus dem Westen nicht so gut austauschen. Und dann habe ich so eine Arbeitsgruppe angeregt, und da hat die Luft gebrannt. Die wollten das nicht. Ob das Anfänge von Datenschutz waren, weiß ich nicht. Auf jeden Fall haben sie gesagt, „wenn dann die Städte hören, dass da gar nicht so viel Bewegung ist, dann kriegen wir das vielleicht weggenommen“ und so weiter. Und dann dachte ich, okay, dann müssen wir aber dafür sorgen. Wir machen das doch für andere und nicht für uns, damit wir einen schönen Job haben oder so. Abgesehen davon ist es erst sehr spät zu einer regelmäßigen Finanzierung gekommen. Also, das war ein jahrelanger Kampf. Und in vielen Städten, auch im Westen, war es ein Kampf, den die Frauen mitunter verloren haben. Und dann wurden Archive auch geschlossen und aufgeteilt auf andere Städte. Ja, und das war das einzige Mal, wo es nicht so war. Aber das muss einen ja fast wundern, bei 30 Treffen in 15 Jahren. Es hat mich sehr geprägt, und ich war so jung damals. Also 25 bis 40, dann bin ich gegangen und habe mich ausgerüstet gefühlt, irgendwie fürs Leben. Und das was ich heute beruflich mache, ich glaube, das hätte ich ohne diese kraftvolle Erfahrung dieser anderthalb Jahrzehnte möglicherweise gar nicht so gut in Angriff nehmen können. Ich bin da wirklich extrem dankbar, auch irgendwie für jede einzelne dieser Frauen. Und vor kurzem hat auch Maren Bock zum Beispiel mal sich gemeldet vom Bremer Frauenarchiv. Die ist da immer noch! Die war da schon, als wir uns kennenlernten und die ist da immer noch. Und die hatte nach Bildern gefragt und da habe ich geschrieben, ich habe nichts und leider, leider, leider muss sie sich an die MONAliesA wenden. Oder ich bin immer noch eng befreundet mit einer Frau, Karin Schönewolf, die in Hamburg im Archiv war. Wenn ich in Hamburg dienstlich zu tun habe, was ziemlich häufig ist, treffen wir uns. Oder wenn ich in Augsburg oder München bin, treffe ich mich mit den Frauen, oder, oder, oder. Und das ist so ein gutes Gefühl von, ich fühle mich aufgehoben. Und wir werden zusammen alt. Das hört sich vielleicht wirklich ein bisschen märchenhaft an. Aber das, glaube ich, hat die Wende wirklich geschafft. Das hat sie hervorgebracht, jedenfalls für mein Leben, noch so eine Zweitfamilie, eine riesige.

 

I: Vielleicht ein bisschen zur Erdung, (B lacht) meine nächste Frage: Wir hast du auf bundesdeutscher Ebene die Frauenpolitik erlebt, in den 1990er-Jahren?

 

B: Ich habe ganz am Anfang, als ich dazugekommen bin, zur Fraueninitiative, sehr gern gehört, dass da niemand sich bisher richtig um die Bücher kümmerte. Da dachte ich, das ist genau meins, also, das würde ich jetzt gerne machen. Und zeitgleich waren im ersten Jahr, in diesem ersten 1990er-Jahr, vier Wahlkämpfe auszustatten. Und da habe ich gemerkt, ganz viel Aktivität kam von denen, mit denen ich zu tun hatte. Und ich habe schon auch immer mitgemacht, aber eben wirklich mit-gemacht. Da war ich dankbar, wenn mir jemand gesagt hat, das und das und diese Flyer sind in diese Häuserzeilen einzuschmeißen. Und diese Rede ist dort und dort zu halten. Aber da war ich nicht so gut wie in der MONAliesA. Dort habe ich selbst Ideen entwickelt. Insofern muss ich sagen, habe ich alles bewundert, was von diesen Politikerinnen kam. Marion Ziegler hat später ja dann auch lange, lange in Leipzig eine wichtige Rolle gespielt im Stadtrat und hat Frauenprojekten geholfen. Cornelia Matzke ist dann auch nach Dresden gegangen, hat dort viel gemacht für Frauen. Die Leute im Unabhängigen Frauenverband habe ich als sehr aktiv erlebt. Zu einer Frauenpartei ist es ja dann nie gekommen. Also was ich erlebt habe, war wahnsinnig viel. Was letztlich bei der Frau angekommen ist, bei der Frau im Allgemeinen, ist wenig. Das ging mir aber nochmal so, als ich später in Brüssel war und mir dort alles angesehen habe und gemerkt habe, wie die alle da fiebern und was die alle tun für dieses Europa. Und als ich wieder nach Leipzig nach Hause gefahren bin, habe ich gedacht, aber hier merke ich null davon. Also diese Sachen, die ich persönlich erlebt habe, kann ich nur meinen Hut ziehen. Barbara Höll, die sich für die MONAliesA und für andere Frauenprojekte angestrengt hat, solange wie sie in der Politik war, angestrengt in einem guten Sinne. Die hat nichts ausgelassen, uns zu helfen, wie auch die LISA-Frauen oder auch Frauen aus anderen Parteien. Ich habe jetzt leider den Namen nicht präsent, von der GRÜNEN-Frau, eine ganz Wichtige, auch für Leipzig. Die müsste auch mein Alter sein. Das habe ich jetzt leider nicht drauf, gerade. Also alle Frauen, die ich persönlich erlebt habe, da kann ich nur sagen, Hut ab. Aber diese Kraft versickert. So ähnlich habe ich es auch in sämtlichen kleinen Vereinen gemerkt. Die haben eine wahnsinnige Öffentlichkeitsarbeit gemacht, mit einem guten Willen. Und trotzdem hat dauernd jemand gesagt, was, das kenne ich nicht? Da denke ich, die machen den ganzen Tag nichts Anderes, als das und es kommt nicht an. Also wenn du die großen Medien nicht hinter dir hast, denke ich mir, hast du kein gutes Spiel. Und dazu kommen dann noch unterschiedliche Haltungen. Die eine in der Politik möchte mehr in die Richtung, die andere mehr in die Richtung, also wird unterwegs gestritten. Also wird darüber dann auch nicht gut geschrieben, vielleicht. Ich denke, es ist eine hohe Energie gewesen, viel guter Wille. Viele Frauen, die ich jetzt vielleicht auch gar nicht erwähne, aber die trotzdem aktiv waren. Petra Seyde, die leider auch schon gestorben ist, hat auch so viel gemacht. Und letztlich hat man aber davon nichts gemerkt. Oder es nicht zu einem exponentiellen Wachstum gekommen in der Frauenpolitik. Und ja, so wurschteln alle irgendwie dann… Ich will das nicht respektlos meinen, aber alle machen ganz viel und es versickert irgendwo. Ich weiß es nicht, wo. Weil du sagtest, Erdung. Ja, das ist ein Phänomen. Das müsste wirklich mal untersucht werden, woran das liegt. Aber ich kann nicht sagen, dass Frauen faul gewesen wären oder hätten nicht sich in der Politik engagiert, auf verschiedensten Gebieten. Auch die Rosa-Luxemburg-Stiftung und Frauenanstiftung und alle möglichen Vereine, die uns auch politisch hochmotiviert haben, die uns auch unterstützt haben – als einer der ersten mit, bis die Stadt mal ja gesagt hat. Oder das Referat für Gleichstellung, das ja auch irgendwie eine politische Ebene hat. Genka Lapön, vor zwei Tagen habe ich sie hier zufällig wieder auf der Straße getroffen und da fliegen wir uns natürlich in die Arme. Und das sind gute Erinnerungen. Wir haben damals auch auf der persönlichen Ebene die Kindersachen getauscht und was weiß ich was. Also es war alles sehr, sehr nahbar, und insofern haben wir natürlich auch alles gemacht, damit Genka dann diesen Posten bekommt, als es dann soweit war. Davor war Ruth Stachorra. Ich glaube, sie war die erste Gleichstellungsbeauftragte in Leipzig. Und dann kam Genka, und die ist es bis heute. Aber alle diese politischen Bemühungen, über die wir uns wirklich auch gefreut haben, denn das war ja keine Selbstverständlichkeiten, ein Referat für Gleichstellung in der Stadt zu haben, da haben wir uns angestrengt und mitgemacht. Aber dann war der Tag auch um und etwas Anderes ist wieder liegen geblieben. Und das wird den anderen vielleicht auch so gehen. Und es gibt einfach keinen Durchbruch. Die Quote hat viel Ärger gebracht, habe ich das Gefühl. Es ist aber eine wichtige Sache, bis es dann endlich mal läuft und mitbedacht wird, dass Frauen da einziehen sollen. Überall mit einziehen sollen und mehr Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern herrschen soll. Es kommt mir vor wie so ein großes Mahlwerk, wo alles zerrieben wird. Und es liegt nicht am Engagement, am fehlenden, glaube ich. Das ist meine Wahrnehmung gewesen. Ich habe lauter aktive Frauen erlebt. Um mich herum waren die alle. Ich selbst war eher so, dass ich dachte, lasst mich das mit den Büchern machen. Und ganz unpolitisch ist das auch nicht. Und trotzdem geht es auch viel direkter. Und das habe ich bewundert an den Frauen. Die haben echt viel gemacht.

 

I: Bleiben wir beim Feld Aktivismus. Erinnerst du dich an den ersten Frauenstreik in Deutschland, am 8. März 1994?

 

B: Ja, aber nicht genau genug. Ich weiß nur, das war auch wieder so eine Sache, wo ich froh war, als ein Teil vom Ganzen mitzumachen und mit vorzubereiten. Aber ich möchte mir das nicht vorstellen. Also da wäre ich bestimmt selbst nicht so mit der wehenden Fahne gewesen. Das liegt aber dann auch daran… Oder das hat dann eben auch zur Folge, dass, wenn es nicht so unter die Haut geht, da dann auch die Erinnerungen fehlen. Ich habe nur noch gewisse Bilder, aber eben kein… Da war mein Herzblut wahrscheinlich etwas kälter und nicht, weil ich es unwichtig finde, sondern weil ich auch da eine gewisse Scheu immer hatte. „Das macht man nicht.“… Krass.

 

I: Gab es in den 1990er-Jahren andere feministische Aktionen, die dir besonders hängen geblieben sind, die vielleicht anders unter die Haut gegangen sind?

 

B: Unser Erhalt. Das zum Beispiel im Jahr 1996, 1997 die Situation so angespannt war, dass wir im Februar das Nein bekommen haben, zur Finanzierung. Und die MONAliesA war eine wundervolle Einrichtung geworden, inzwischen. In sechs Jahren haben wir, haben wir so viel auf die Beine gestellt und wir denken, auch für Leipzig einfach ganz viel gemacht. Ich habe mich mehr und mehr mit dieser Stadt angefreundet. Wir haben mit dem FrauenTechnikZentrum zusammengearbeitet und mit der Frauenkultur eng zusammengearbeitet und mit anderen Gruppen, die es zum Teil nicht mehr gab wie Paragraf 218, eine Arbeitsgruppe und Feministische Theologinnen. Also vieles gab es schon nicht mehr, aber die, die es gab, da haben wir eng zusammengearbeitet, wie mit der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft. Und alle bekamen dann immer weniger Geld und irgendwann war es so wenig, dass wir die MONAliesA zu machen mussten. Wir haben also im Februar geschlossen, haben dann ganz viele Aktionen gemacht, an der Uni mit Studentinnen auch vom Studentenrat und dann so tolle Arbeit geleistet, auch eben auf politischer Ebene. Also da habe ich ganz viele Bilder, da habe ich ganz viele Erinnerungen, ganz viel Dankbarkeit. Da hatte Katharina Hamann zum Beispiel ganz viele super Ideen für die MONAliesA. Wir haben es auch, glaube ich, Politbüro genannt, natürlich mit einem Augenzwinkern. Es hieß also nicht mehr das Büro der Bibliothek, sondern das Politbüro. Und da wurde alles beschlossen, was wir an Aktionen machen wollen. Und tatsächlich konnten wir ein Vierteljahr später wieder öffnen. Und dieser Kampf ist auch von den Bücherfrauen beobachtet worden. Das ist eine deutsche Sektion vom weltweiten Netzwerk Women in Publishing und die hatten mich stellvertretend für die MONAliesA als Bücherfrau vorgeschlagen, für dieses Jahr 1997. Die haben so einen Preis ausgelobt und das zweite Mal, dass der vergeben werden sollte, war an die MONAliesA sozusagen. Und ich habe geheult vor Glück, als ich das gehört habe. Mit der Nominierung war es dann auch erledigt. Da war Angelika Aliti noch, Hildegard Hamm-Brücher, also eine große Politikerin. Die waren auch vorgeschlagen. Das war klar, dass wir das nicht kriegen. Also mir jedenfalls. Und dann kam der 18. Oktober 1997 und ich kriege dann eine Einladung zur Buchmesse nach Frankfurt und dort haben wir den Preis bekommen. Und dann ist der damalige Oberbürgermeister Lehmann-Grube gekommen. Da ist die Zuständige vom Kulturamt gekommen. Dann noch Genka Lapön, die Gleichstellungsbeauftragte. Es sind alle gekommen, haben sich in diesem Saal da mit diesen vielen Frauen hingestellt, haben gratuliert und danach kam Rita Süssmuth in die MONAliesA, die wollte wissen, wer das ist, und hat auch gratuliert. Das wurde natürlich wiederum von den Leipziger Zeitungen aufgenommen. Also da war ganz viel politische Arbeit und auch Festigung. Also in dem Jahr, in dem Leipzig gesagt hat, nein, wir finanzieren nicht weiter, haben sie noch im selben Jahr gesagt „unsere MONAliesA“ und „das wird natürlich gestützt“. Und dann hat das Land Sachsen zum allerersten Mal gesagt, wir machen jetzt auch mit, wir finden das ganz toll. Also, weil Susanne Scharff, Rita Süssmuth, andersrum wäre jetzt bescheidener gewesen, in der F.A.Z., Seite eins, neben Günter Grass… Also, das war schon ein Ding. Und drinnen noch mal ein großer Artikel. Also wirklich so viele Frauenzeitungen und auch andere Zeitungen haben ein Jahr lang über das berichtet. Ein Jahr lang Pressearbeit. Und in der Zeit hat sich die MONAliesA wirklich auf solide Füße stellen können. Und das wäre ohne diesen flächendeckenden, auch politischen Kampf nicht gekommen. Man muss der Stadt fast dankbar sein, dass die das so weit getrieben hat, dass wir gefordert waren, auf allen Ebenen wirklich zu kämpfen. Und ich muss auch sagen, ich kann mich kaum erinnern, dass irgendjemand nicht wirklich die MONAliesA unterstützt hat. DIE LINKEN haben sowieso immer zu uns gehalten und die GRÜNEN auch. Aber es ist schon gut, wenn sich da alle einig sind. Und die SPD auch. Die CDU nur zögerlich, aber dann eben auch. Da haben wir dann versucht, Kontakte herzustellen und es ist uns auch gelungen. Es war bestimmt nicht einfach. Aber wir wären nicht so aus der Reserve gekommen, wenn es nicht so schlimm gekommen wäre. Das ist einfach meine Sicht auf die Dinge heute. Und es hat was gebracht. Wir haben das dann auch, glaube ich, ziemlich gut weitergeführt und es gab dann nie wieder so eine krasse Situation. Außer, als ich dann weg war. Also nicht, weil ich weg war, sondern weil einfach die Dinge sich wiederholen. Ja und die jetzigen MONAliesA, die achten da ganz sehr drauf. Also, die sind extrem politisch. Also extrem im guten Sinne. Die achten einfach auf alles, habe ich das Gefühl. Die machen das wirklich richtig gut. Und dann noch gute inhaltliche Arbeit. Das muss man ja auch mal schaffen. Und das mit nur einer halben offiziellen Stelle. Die Tage waren immer zu kurz, und ich war ja auch Mutter und ich habe auch in der Freien Schule mitgemischt und habe dort Mädchen-Arbeit angeboten. Du kannst dich ganz, ganz, sehr engagieren und trotzdem wird der Tag immer zu kurz sein für solche Dinge, die erstmal zum Leben erweckt werden müssen. Aber den Weg zur Politik zu finden und auch das zu nutzen eben dann, das hätte uns vielleicht etwas eher auch schon gutgetan.

 

 

I: Um von der MONAliesA wegzukommen: hat sich die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft, die bis heute zu mindestens nie auf dieser existenziellen Ebene gefordert war, auch in tagespolitische Themen eingemischt und wenn ja, wie?

 

B: Das kann ich nicht sagen, ehrlich. (I: Das musst du auch nicht.) Ich weiß an konkreten Sachen wie das Henriette-Goldschmidt-Haus, dass da sehr viel Energie reingeflossen ist. Das weiß ich. Und Arbeit und alles. Und in die gründlichsten Vorbereitungen von Tagungen. Das scheint ja bis heute so zu sein. Das habt ihr mir ja auch geschrieben, wie toll das alles ist und gründlich vorbereitet und langfristig ist. Aber auf jeden Fall ist da sicher auch etwas gelaufen.

 

I: Was hat die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft gemacht, um historische Frauenpersönlichkeiten in Leipzig sichtbarer zu machen? Hast du davon etwas mitbekommen?

 

B: Ich weiß, dass Johanna jedes Buch aufgekauft hat, was sie kriegen konnte. Und sie hat auch irgendwie immer mitbekommen, das war eines der wenigen Male, wo es nicht schön war zwischen uns. Also uns haben die Leute ja auch permanent Stapel an Büchern in die MONAliesA gebracht. Und davon waren aber viele Sachen gar nicht so wichtig für uns. Und dann habe ich schon gesagt, wenn ich den Eindruck hatte, dass ist eher was für Johanna, dann habe ich gesagt, sie sollen bitte mit Johanna Kontakt aufnehmen. In einem Fall muss ich es mal verpasst haben. Da ist irgendein ganz wichtiges Buch, was sie da schon lange suchte, keine Ahnung… Da gab es Ärger. Aber das war jetzt nicht die Frage.

 

I: Die Frage war, was die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft gemacht hat, um historische Frauenpersönlichkeiten sichtbarer zu machen?

 

B: Ja, um sie sichtbarer zu machen, muss man natürlich ganz viel über die wissen. Und ich hatte das Gefühl, dass Johanna wirklich geackert hat, ohne Ende, nicht nur über Louise Otto-Peters. Und auch die anderen Frauen. Das war ja wie im Himmel, das waren ja alles Akademikerinnen, die eben auch geforscht haben und da ganz viel gemacht haben, mit allen Erkenntnissen. Dann gab es diese ersten Rundbriefe und so weiter, wo wir dann auch was gelernt haben. Also das wurde dann verknüpft mit Leipzig. Ich kann mich an Straßenbahn-Aktionen erinnern. Aber da kann ich das Jahr nicht dazu sagen, wo dann eben Frauen auch in der Straßenbahn vorgestellt wurden. Ich weiß nicht mehr, wann das war. Und das war dann öfter auch mal der Fall. Und dann dachte ich mir, wie schön. Dann wurde zum Beispiel das Denkmal feierlich eingeweiht, noch mal im Rosental. Da habe ich auch Bilder, dass wir da stehen. Das gab es ja vorher auch schon. Oder sollte das vor allem dafür sein, dass es jetzt bekannt wird, dass dort dieses Denkmal ist? Die Zusammenhänge weiß ich alle leider nicht mehr. Aber ich erinnere mich auch an solche Aktionen, wie eine Bank für Anna Magdalena Bach, dass wir versucht haben, Spendengelder auch mit der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft zusammen zu akquirieren und symbolisch Bänke wieder aufzustellen, die ja alle nach und nach abgebaut wurden in Leipzig. Und dann eben Wissen über die Frauen zu sammeln, dieses Wissen dann zum Beispiel in einer Straßenbahn oder in dem Bemühen, dass bestimmte Straßen auch mal umbenannt werden sollten in weibliche Personen, die auch für Leipzig durchaus eine Rolle gespielt haben. Da kann ich aber nichts Konkreteres mehr sagen. Ich weiß nur, dass wir für Straßenumbenennung auch richtig viel gemacht haben und auch immer wieder den Leuten im Stadtrat auf den Keks gegangen sind. Aber mehr kann ich dazu leider jetzt nicht mehr sagen. Ich weiß nur, da ist wirklich richtig viel passiert. Also, da haben sich alle im Kreis gedreht, ständig.

 

I: Du hast es schon mehrmals erwähnt und es ist damals richtig viel passiert, rund um das Henriette-Goldschmidt-Haus. Könntest du uns schildern, wie du den Kampf erlebt hast?

 

B: Das war eine Aktion über viele Jahre. Und ich habe vor allem noch im Gedächtnis, dass das immer etwas war, wo ich auch mal die Kinder mitnehmen konnte, wo mein Mann viel mit dabei war und die Kinder mit dabei waren. Also meine Bilder sind immer verknüpft mit… Mein Mann hat es dann gemacht, den Fokus auf die Kinder gelegt, damit ich mich dann wiederum auf darauf konzentrieren konnte, mit Leuten dort zu sprechen. Und wenn Aktionen geplant waren, am Haus oder im Haus oder danach irgendetwas zu schreiben war, sodass ich mich darauf konzentrieren konnte. Aber ich muss auch sagen, dass mir das alles verschwimmt. Also, dass ich da nur noch diese Bilder vor allem habe und nicht mehr Abläufe.

 

I: Kannst du noch rekonstruieren, warum du dort das Gefühl hattest, dass du die Kinder mit hinnehmen konntest? Uns ist auch aufgefallen, dass viele Aktionen rund um das Henriette-Goldschmidt-Haus für Kinder gestaltet waren. Und es hat für uns die Frage aufgeworfen, warum das so war? Das korrespondiert ein bisschen mit deinem Gefühl, dass das ging. Hast du eine Idee, wie das kam?

 

B: Also, ich hätte Johanna damals fragen sollen. Ich habe eine Vermutung, weil… (I: Dann vermute mal.) Ja. Henriette Goldschmidt hat ja für Kindergärtnerinnen gearbeitet und es wäre irgendwie komisch gewesen, wenn wir da dann auch weiterhin immer nur als einzelne Frauen erschienen wären. Also einmal das, um so einen authentischen Bezug herzustellen und Fröbel und Co und wie sie alle hießen, die in der Zeit aktiv waren. Und Johanna hatte ihren Mann im Grunde sowieso immer mit. Immer. Gefühlt jedenfalls. Und vielleicht wollte sie das auch, dass da mehr so Familie oder einfach mehr Leute auch sind. Keine Ahnung. Ich weiß es nicht. Es ist nur eine Vermutung. Ich hätte sie fragen sollen, warum. Aber es ist natürlich auch verantwortungslos, wenn du dich um etwas sehr kümmerst und auf etwas fokussieren musst und du hast zwei kleine Kinder mit und du kannst nicht auf die aufpassen. Und du drehst dich um und… Mir ist mein Kind einmal ertrunken. Und das war ein Drama von einer ganzen Woche, um sie wieder zurückzuholen ins Leben. Wir haben einfach uns das nicht so oft so geleistet. Die Kehrseite der Medaille war, dass mal eine Frau, die mich dann zum ersten Mal mit Kindern und mit Mann gesehen hat, dann ganz laut aufschrie: „Was, du hast Kinder! Du hast einen Mann!“ Also die konnte sich das gar nicht vorstellen. Die hatte mich da jahrelang immer als MONAliesA erlebt. Ich habe auch meine Kinder nie verleugnet oder mein Mann. Aber irgendwie hatte das für sie in ihr Bild nicht gepasst. Und dann plötzlich, aha.

 

I: Ihr habt auch um das Henriette-Goldschmidt-Haus gekämpft, um, wie du im Vorgespräch sagtest, dort eventuell einziehen zu können, als Fraueninitiativen. Vielleicht können wir nochmal darüber sprechen, wie die Situation für Frauenprojekte in den 1990ern bezüglich der Räumlichkeiten war?

 

B: Von der Hand in den Mund. Wir haben uns immer mehr ausgebreitet. Zum Beispiel war die MONAliesA ja erst nur ein Schrank. Das war ja keine MONAliesA. Die wurde erst 1992 zur MONAliesA, weil wir überlegt haben, es könnte ja auch mal einen Namen haben. Vorher war es eine Frauenbibliothek in Gründung. Und dann war es irgendwann eine, weil dieser Schrank natürlich aus allen Nähten platze mit der Zeit. Dann war es eine ganze Regalzeile. Dann zogen wir aus dem ersten Erdgeschoss links ins vierte auch links, in einen Raum. Genau. Und der war dann rundherum mit Rollschränken ausgestattet, die ich vom Kulturamt hatte. Da hatte ich einen Tipp bekommen. Ganz herrliche Rollschränke zum Auf- und Zuziehen. Die ganz alten. Die haben wir dann praktisch vorm Müll gerettet und haben die bekommen. Plötzlich war es ein ganzes Zimmer, was man sogar abschließen konnte, eine Bibliothek. Und das war wirklich ein Durchbruch, vielleicht nach, ich weiß es nicht mehr, anderthalb Jahren. Ich weiß es jetzt nicht ganz genau. Auf jeden Fall war das der Moment, wo dann die Leute in der Fraueninitiative gesagt haben, jetzt musst du aber auch Miete bezahlen. Du kannst jetzt nicht mehr so als Projekt der Frauenini weitermachen, kümmere dich jetzt um Geld. Und dann ging die Tippeltappeltour los. So, und dann musste man sich anhören: „Wir haben doch hier schon Gleichberechtigung gehabt.“ Und so ein Käse, wie: „Frauenbibliothek brauchen wir nicht.“ Na gut. Aber das heißt, irgendwann war auch dieser eine Raum nicht mehr genug. Und dann musste es mehr sein. Und dann zogen wir auf die andere Seite. Da gab es da noch einen kleinen Raum dazu. Dann haben wir irgendwann den Wanddurchbruch gemacht. Also wir haben immer versucht, von der Hand in Mund zu leben, aber immer zu kämpfen und dann dafür das Nötige zu beschaffen. Und andere wie die Frauenkultur zum Beispiel, die erst im Leipziger Osten waren und dann in den Leipziger Süden gezogen sind und dann ganz tief rein in den Süden, in Werk 2 Nähe, die haben auch, glaube ich, immer an ihren Bedürfnissen, „wir brauchen einen größeren Raum, oder wir brauchen das“, dann verhandelt mit der Stadt. Wir hätten das am Anfang der Neunziger, also ich zumindest, da bleibe ich mal bei mir, niemals hingekriegt, etwas zu fordern. Zu schüchtern, zu sehr geprägt von „das macht man nicht“ und so weiter, diese Sätze alle im Ohr. Aber mit dieser Unterstützung eben, auch von diesen Frauenarchiven und mit diesem Support, den es einfach von überall in dieser Frauengemeinschaft gab und mit diesem Bewusstsein, nach jedem gelesenen Buch… Natürlich habe ich auch was zu beanspruchen für die Frauen und für mich und für meine Tochter irgendwann, für meine Enkeltöchter. Bloß gut, dass wir da so reingewachsen sind und dass wir dann immer mehr gelernt haben, auch mal was zu beanspruchen und eben darum zu kämpfen. Und 1997 war dann ganz Schluss. Und da haben sich dann auch nicht nur Frauenprojekte zusammengetan und miteinander gekämpft, sondern viele Kulturprojekte. Da sind wir zusammen vor das Rathaus gezogen und haben da eben auch noch mal gemeinsame Aktionen gemacht. Und es waren ja wirklich die Kultur flächendeckend und die freie Szene war ja komplett immer wieder davon betroffen, Jahr für Jahr. Also wir konnten gar nicht wirklich planen. Es gab zwar irgendwann eine institutionelle Förderung, das war also ein gewisser Betrag, mit dem man fast ein bisschen rechnen konnte. Es war aber erstens nicht viel und zweitens musste der auch jedes Jahr bewilligt werden. Und es wurde immer erst im Frühjahr bewilligt. Also bis Frühjahr war man erst mal sozusagen arbeitslos und konnte, wenn das Geld dann bewilligt war, wieder bis zum Rest des Jahres was machen. Also die Bedingungen, dass die uns nicht zermürbt haben, das ist… Da gehört uns wirklich… (klopft sich auf die Schulter) Also da muss ich echt mal so machen (klopft sich auf die Schulter). Alle Frauen, die das betroffen haben, mit. Also, sobald ein Projekt so groß war, dass Personal eine Rolle gespielt hat… Und ich habe damals begriffen, wir können das nicht alles nur ehrenamtlich machen, das geht einfach nicht. Deswegen sage ich, von der Hand in den Mund. Also selbst wenn das dann eine gewisse Summe war, die das Kulturamt bereit war, zu zahlen und später sogar das Jugendamt mit eingestiegen ist, für die Mädchenarbeit. Wir waren weit und breit die einzigen, die damals so etwas gemacht haben. Die haben schon alle was gegeben, aber es hat eigentlich nie gereicht und wir haben es trotzdem hingekriegt, qualitativ richtig gute Arbeit zu machen. Die Frauen im Westen haben uns das dann abgeguckt, mit der Mädchen-Arbeit.

 

I: Ein Treffpunkt sozusagen für viele Leipziger Fraueninitiativen und Vereine war die AG Frauenprojekte, die es bis heute gibt. Kannst du uns dazu etwas erzählen?

 

B: Das ist auch eine sehr gescheite Sache, die auch sehr stärkt. Also wenn wir uns getroffen haben, selbst wenn man manchmal dachte, oh, das heute auch noch, weil es eben schon so viel war und die Kinder einen schon keinen Tag in dieser Woche gesehen haben. Aber es war dann oft so, vielleicht auch bei aller Auseinandersetzung – aber das ist ja auch wiederum gut so, denn dann lernt man sich noch besser kennen –, dass ich mich hinterher jedes Mal besser gefühlt habe und es wieder Schwung für die Arbeit gegeben hat. Da haben eben Menschen, in dem Fall Frauen, gemeinsam überlegt, wo ist die Not vielleicht gerade am größten, was können wir tun? Christine Rietzke von der Frauenkultur bewundere ich auch bis heute. Die kann so klar denken und zack-zack-zack. Die ist auch so ganz effektiv in allem und lässt dann auch nicht zu, dass zu viel Zeit verloren wird und kommt immer wieder zurück auf den Punkt und erkennt aber auch schnell eine Gefahr. Und wieder eine andere hat wieder eine andere Stärke. Also diese Gemeinschaft habe ich immer als extrem positiv erlebt und wann immer ich jetzt so mitbekomme – ich habe ja noch immer Kontakte –, dass die noch immer so gute Arbeit machen, da bin ich beseelt. Das muss auch erst mal jemand schaffen, so über die Jahrzehnte, oder?

 

I: Du hast eben in einem Nebensatz gesagt, dass man das nicht alles ehrenamtlich machen kann. In der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft gab es bis in die 2000er hinein fast durchgängig ABM-Stellen. Deswegen ist unsere Frage, wie wichtig waren solche Stellen allgemein für Frauenprojekte und Vereine? Und was vielleicht noch spannend ist: Gab es Unterschiede zwischen Ehrenamtlichen und ABM-Beschäftigten?

 

B: Ganz wichtig, diese ABM-Möglichkeit, auch dieser Paragraf 19, Arbeit statt Sozialhilfe, das gab es damals auch und so verschiedene Sachen. Manchmal konnte man auch Honorare zahlen zum Beispiel oder unsere Arbeitslosenzeiten damit ausgleichen, zwischendurch. Ja ganz wichtig, weil Louise Otto-Peters „Das Recht der Frauen auf Erwerb“… Natürlich brennt mein Herz dafür. Aber ich möchte meinen Kindern auch etwas zu essen kaufen. Und dieses mich zerreißen, wie ich es vorher gemacht haben, erst als Lehrerin in die Schule und dann am Nachmittag vielleicht… Oder im Babyjahr, da hatte ich ja dann wieder Zeit, das ganze Jahr Zeit. Aber warum…? Es ist einfach für hier oben, für das Gehirn einfach super wichtig, dass wir verstehen, diese Arbeit sollte bezahlt gehören. Und da ist ABM schon wirklich auch eine Zwischenlösung gewesen. Es war ja auch keine echte Lösung. Und als die ausliefen, standen viele Projekte dann da und konnten nicht mehr umschalten. Mein Wunsch war es deshalb auch immer, eine Stelle wenigstens zu schaffen für die MONAliesA und das haben wir vorübergehend auch geschafft, die wir aus Spendengeldern schaffen konnten. Also, dass wir so viel einnehmen, dass wir so viele Leserinnen haben, die Leserinnenbeiträge bezahlen und Spenden einnehmen, dass wir uns von einer Stelle unabhängig machen. Und egal, ob eine ABM-Bewilligung kommt oder nicht. So toll wie das ist, mit diesen Stellen, aber dass man trotzdem mal eine Planungssicherheit hat. Hatten wir ja nicht. Und wir hatten so gute Frauen und die mussten doch aber auch irgendwo, die hatten ja nicht alle Kinder, aber auch für sich sorgen. Wichtig ja, aber schade schon, dass erst ganz, ganz spät so eine Art institutionelle Förderung kam, und dann immer zu wenig, sodass man eben eine richtige Stelle mal schaffen kann. Wir haben da auch innerhalb der MONAliesA leider nicht alle an einem Strang gezogen. Also es hat kaum eine so gesehen, wie ich, dass das eine Unabhängigkeit bedeutet, wenn wir genug Geld einnehmen, um eine Stelle zu schaffen. Da musste ich mir wirklich damals aus den eigenen Reihen anhören: „Du denkst da ja schon kapitalistisch.“ Ich habe versucht, uns unabhängig zu machen, weil dass mit dieser ABM schon klar war, irgendwann läuft das jetzt mal aus und dann stehen wir da. Wir haben dann gar nichts.

 

I: Hast du im Alltag die Unterschiede gemerkt, zwischen denen, die ABM-Beschäftigte waren und denen, die ehrenamtlich gearbeitet haben?

 

B: Viele von den Frauen, die bei uns in ABM gearbeitet haben, haben gesagt, sie haben hinterher, als sie woanders dann mal gearbeitet haben, nie wieder so einen schönen Zusammenhalt gehabt und haben sehr darunter gelitten. Christiane Reschke hat das viel gesagt, die ist leider auch schon gestorben. Es sind viele aus unseren Reihen schon tot. Die ist jünger gewesen als ich. Also, schlimm. Ich habe also aus diesen Rückmeldungen ein Bild im Kopf – und ich bin ja auch wahnsinnig gern selbst arbeiten gegangen –, dass wir wirklich eine gute Gemeinschaft waren. Und die, die ehrenamtlich arbeiten wollten, wollten in ihrem Job sein und wollten bei uns dann nachmittags Karteikarten schreiben und Veranstaltungen mit vorbereiten oder was ebenso zu tun ist. Aber Stress habe ich nicht wirklich gesehen. Also das es da untereinander kein: „Ja, du hast ja immer die Stelle und ich hätte das auch mal gern“ oder so, das habe ich nicht in Erinnerung. Im Gegenteil. Also nur, dass die dann eben leider später woanders nicht gut klargekommen sind. Weil es ein wirklich richtig guter Zusammenhalt war. Wir haben fast jeden Dienstag eine Veranstaltung gemacht mit einem politischen Thema, frauenpolitisch oder mit einer Autorin aus Deutschland oder aus der Welt und haben dann diskutiert. Und danach sind die Frauen immer noch nicht nach Hause gegangen und haben da ewig auf der Treppe gesessen und weiter… Also, die hatten einfach Lust, miteinander zu sein und miteinander zu arbeiten und zu reden und schlauer zu werden, komplexer im Denken und insgesamt einfach auch der Schraube, die sich natürlich immer mehr drehte, der Daumenschraube, was entgegenzuhalten. Da hatten wir schon auch gute Ideen, da nachts auf der Treppe. Das kann nur gegangen sein, indem wir uns gut verstanden haben, denke ich mal. Da hoffe ich, dass ich mich richtig erinnere.

 

I: Du hast vorhin erwähnt, dass es Kontakte ins FrauenTechnikZentrum gab. Und ich würde jetzt das Thema wechseln. Kannst du uns erzählen, welcher Art diese Kontakte waren?

 

B: Das ist auch wieder ganz konkret menschlich: Ruth Stachorra, Genka Lapön und Brigitte von Förster – ebenfalls eine für Leipzig ganz wichtige Frau, die auch lange im Gleichstellungsreferat war –, die hatten die Initiative FrauenTechnikZentrum.Weil die beginnende Computer-Ära, das einfach gezeigt hat, dass Frauen null Ahnung haben, uns alle inklusive, von irgendwelchen solchen technischen Sachen und in den normalen Kursen einfach untergebuttert werden. Und auch Frauen vielleicht Dinge anders erklärt werden müssen, weiß ich nicht. Also auf jeden Fall gab es diese Initiative, das fanden wir alle gut und das haben diese Frauen gemacht. Und da wir die ja auch kannten, durch die Fraueninitiative und durch viele verschiedene Aktionen, ist das das Erste, was mir einfällt. Also wieder die Frauen, die das gemacht haben. Ich habe selbst nie so einen Kurs belegt. (I: Das wäre nämlich jetzt meine Frage.) Ich habe keine Zeit gehabt.

 

I: Also, du hattest keinen Kurs belegt. Aber was hattest du für einen Bezug zu der neuen Computer-Ära und zu Computern allgemein in den 1990ern?

 

B: Also keinen einfachen. Ich war sehr störrisch. Aber natürlich haben wir uns dann auch irgendwann Computer angeschafft und ich habe mich reingefuchst. Mein Mann hat mir viel gezeigt, der da sehr viel freudiger ist und mein Sohn, der hat mir auch sehr viel gezeigt, das ist bis heute so. Wobei die Dinger heute ja sehr bedienungsfreundlich sind. Also die machen ja fast alles von selbst. Aber damals. Ja, ich habe es tatsächlich nie geschafft in so einen Kurs.

 

I: Und in der MONAliesA? Gab es da irgendwann einen Computer?

 

B: Ja, ja, genau. Das meinte ich. Wir haben uns dann auch einen angeschafft. Das meine ich nicht privat. (I: „Wir haben uns einen angeschafft.“, du hattest deinen Mann erwähnt.) Entschuldige. Nein, das ist ganz, ganz missverständlich gewesen. Ich meinte das für die MONAliesA und mein Mann hatte einen für die Freie Schule auch angeschafft. Also privat hatten wir keinen. Ganz lange nicht. Da in der MONAliesA hatten wir so eine Art bessere Schreibmaschine, die da auch mit Monitor war. Und die hat Philipp so fasziniert. Die ging jedenfalls ständig kaputt und wir brauchten dann immer eine Bezugsperson. Und das war ein Mann. Und er hat natürlich sein Wissen auch nicht gerade mit uns geteilt. Herr Fiege. Aber er kam immer, wenn wir ihn brauchten. Und wir brauchten ihn oft, leider, weil immer irgendwas kaputtging. Wir haben uns da aber reingefuchst.

 

I: Und wenn das Gerät mal nicht kaputt war, hat das irgendwie Chancen eröffnet, dieser Computer oder dann auch das Internet? Hat das irgendetwas gebracht? (B: Ja, schon.) Und was?

 

B: Also allein, dass man dann mal so etwas wie Corporate Design machte, denn das spielte ja dann auch mal eine Rolle. Wir haben bis dato alles handschriftlich gemacht. Also ich fand das auch charmant, diese Flyer für die Veranstaltungen und so weiter. Also wir hatten eine Grafikerin, Renate Reitz-Schiwek, die damals alles sehr schön uns gebaut hat. Wir haben eine Grafikerin, Katrin Grella, die, ich glaube, mir noch am meisten Vorbild war. Wir sind auch bis heute befreundet. Die hatte einen Mac. Und sie hat gesagt: „Weißt du, ich finde es schon ganz süß, alles mit deinen handschriftlichen Sachen. Aber vielleicht könnten wir ja mal überlegen, da etwas Einheitlicheres daraus zu machen?“ Und die hat mir das dann wirklich schmackhaft gemacht. Und mit der habe ich zusammen überlegt… Aber das waren nicht unsere Computer in der MONAliesA, sondern ihre bei sich zu Hause. Und dort haben wir dann wunderschöne Programme, für jedes Jahr ein anderes, hergestellt. Da hat sie mich dann gekriegt. Also ich habe praktisch die Jahresplanung fertig gemacht für die Veranstaltungen, die wir für Mädchen-Arbeit und auch für die Dienstage, wo wir Frauen einladen, gemacht haben. Das war eine Menge Vorarbeit. Und dann haben wir geguckt. Sie hat dann immer gefragt, was ist denn dein Gefühl so farbig für dieses Jahr oder stofflich? Also das lohnt sich wirklich, dass mal anzugucken in der MONAliesA. Ich habe leider kaum was hier. Mir hat eine Praktikantin mal ein Abschlussgeschenk gemacht, als ich weggegangen bin, und hat mir jedes Jahresprogramm geschenkt. Ich habe auch Postkarten mit Katrin gemacht. Also, es gab ganz viele schöne Produkte, und die wären ohne den Computer und Katrins Fähigkeiten überhaupt nicht zustande gekommen. Und ich habe zu jedem Jahresprogramm also wirklich auch eine Herzens- und eine Seelenbindung gehabt. Aber das könnte ich bis heute nicht so etwas. Also das geht mir einfach ab. Ich bin natürlich auch durch Corona mit Online-Unterricht durchgekommen, konnte dann ja nicht mehr meine Städte anfahren, um dort zu unterrichten. Da hat sich schon ganz viel getan. Aber damals, ob ich das alles so als Chance begriffen habe? Eher nicht. Lästig war es mir. Und gerade, weil ich vielleicht auch nie einen Kurs gemacht habe. Katta hat mir viel gezeigt, Katta Hamann. Die hat dann auch immer gesagt: „Alles so liederlich, du musst mal ein bisschen aufräumen, diese Dateien. Alles besser benennen.“ Also, das muss einem irgendwann mal jemand sagen, denn es war wirklich ein Riesendurcheinander. Heute habe ich mich gefragt, wie wir überhaupt was gefunden haben? Aber es gab doch für jeden Anlass tatsächlich eine, die fähig war und die uns das gezeigt hat. Es hat eine Weile gebracht. Und wenn du die Frauen aus der MONAliesA fragen würdest, die haben schon gemault. Ich habe dann auch nochmal später ein bisschen gemauert, als dann die Idee von unseren Bibliothekarinnen aufkam, dass wir alle unsere Bücher in den Computer einspeisen. Das waren dann schon andere Zeiten. Da habe ich gedacht, wie lange soll denn das dauern? Da fehlen mir die Frauen ja für andere Sachen wieder. Das fiel mir sehr schwer, das einzusehen. Heute ist es natürlich wunderbar. Die Frauen machen ja auch weiter. Man kann es heute sogar öffentlich einsehen. Da fehlte mir ein bisschen die Fantasie.

 

I: Du bist jetzt schon immer mal darauf zu sprechen gekommen, dass du deine Kinder mitgenommen hattest. (B: Wenn es ging.) Du hattest ein sehr kleines Kind, gerade in der Anfangszeit der MONAliesA und du hast schon gesagt, dein Mann hat dir da auch viel gezeigt. Deswegen nochmal ganz konkret die Frage: Wie war das Verhältnis zwischen deiner Familie und deinem Engagement?

 

B: Ich konnte machen, was ich will. (lacht) Das klingt jetzt ganz herrlich. Das war auch ganz herrlich. Aber natürlich war es auch in Absprache, denn mein Mann hatte ja selbst dieses Riesenprojekt mit der Freien Schule. Aber die Kinder sind ja irgendwann dann auch in die Schule gegangen. Ich hatte sehr viel Freiheiten. Das klingt jetzt so, Freiheiten, das erwartet man eigentlich in einer Beziehung. Aber es war eben damals noch nicht selbstverständlich. Und ich bin eben auch sehr DDR geprägt. Und insofern freue ich mich einfach über diese Möglichkeit, die ich hatte. Ich habe natürlich dafür auch viel gegeben und hatte lange ein schlechtes Gewissen. Meine Kinder haben dann aber oft gesagt: „Mama, aber wenn du da bist, dann bist du immer voll und ganz da.“ Und das ist doch schön. Also das schlechte Gewissen hat an mir genagt. Dann diese Geschichte, „Was, du hast Kinder?“. Also, dass ich so nicht gesehen wurde. Ich hieß zwar in der MONAliesA Mutter, das haben die manchmal zu mir gesagt. Ja, also das fand ich ja auch nicht nur lustig. „Ischtar“ hat Christiane Reschke mal rausgehauen und dann haben es andere übernommen. Ischtar war die Muttergöttin, weil ich immer versucht habe, alle zu verwöhnen, ebenso ein bisschen was Nährendes. Oder die Wertschätzung eben auch. Es war ja auch verrückt, dass immer irgendeine da war, die genau wir brauchten. Und in der Familie war es eben ähnlich. Also ich würde sogar so weit gehen und das sage ich auch nicht zum ersten Mal, dass unsere Beziehung möglicherweise gescheitert wäre, wenn es die MONAliesA nicht gegeben hätte. (I: Von dir und deinem Mann?) Ja. Und nicht, weil die so furchtbar schlecht war, sondern weil ich auch einen Riesen-Entwicklungssprung immer wieder mal hatte. Diese Unzufriedenheit von der ich ganz am Anfang erzählt habe, die hat sich komplett mit der Wende aufgelöst. Ja, also ich hatte das Gefühl, überall kann man jetzt was tun. Und ich war wirklich glücklich. Dauerglücklich so fast, dauerberauscht. Und in der Familie ist es aber so, dass ich mich da vielleicht nicht ganz so schnell und so frei immer bewegt habe. Also, dass mein Mann das auch manchmal so sagte: „Da musst du doch nicht fragen.“ Aber auch andere Dinge, die mir an ihm dann auffielen, nachdem ich all diese Bücher gelesen habe, wo ich gedacht habe, was für einen Typ habe ich hier zu Hause. Ja, und dann wurde geredet und dann gestritten. Und Gottseidank hat sich das aber immer wieder gefügt. Wir haben uns beide einfach entwickelt und miteinander entwickelt und nicht gegeneinander entwickelt. Das hätte ja auch noch rauskommen können. Und trotzdem ist es so, dass es mich auch nicht unberührt gelassen hat. Irgendwann habe ich mich in die erste Frau verliebt oder das erste Mal in eine Frau verliebt. Mein Vater hat damals als Kommentar gesagt: „Bei euch kommt man ja auch auf Ideen.“ Also das musste diese Beziehung auch alles oder hat diese Beziehung auch alles getragen und gehalten. Und ich denke, mit diesen vielen Anregungen, die da auch kamen und mit diesem vielem, was da aufgeräumt wurde, ist es der Beziehung letztlich schon ganz gut gegangen. Und Pfingsten waren es 39 Jahre. (lacht)

 

I: Schön. Du hast jetzt geschildert, wie es bei euch in der Familie war. Wir haben im Archiv in Fotos gestöbert und haben gesehen, dass im Louise-Otto-Peters-Archiv immer mal wieder Kinder zugegen waren. Deswegen würde mich nochmal interessieren, wie hast du das bei anderen in deinem Umfeld erlebt, diese Vereinbarkeit von dieser Sorge, die man für die Kinder trägt, aber gleichzeitig dem Engagement?

 

B: Durch die besondere Situation in der Familie hatte ich den Eindruck, dass kann man alles gut hinkriegen. Aber eben einfach, weil mein Mann viel die Kinder hatte, sowohl in der Schule als auch dann am Nachmittag länger in der Schule und auch ansonsten wir abends immer gesprochen haben, wo bist du heute? Und wo bist du heute? Also ich hatte ein verstelltes Bild und ich hatte ein böses Erwachen in einem Interview, was ich vor drei Jahren der Elisa Ueberschär gegeben habe. Das ist eine Schauspielerin, die dann auch viel damit gemacht hat, auch in der Frauenkultur, das mal vorgestellt hat. Da hat unsere Tochter gerade ihr erstes Kind bekommen. Und die hat mich gefragt, ob ich ihr helfen komme. Damals hat sie noch in Düsseldorf gewohnt. Und da habe ich zwei Wochen Urlaub genommen, zum ersten Mal so lange. Und ich bin hin. Ich habe aber gesagt: „Mensch, Laura, das Leben geht doch auch nach der Geburt weiter.“ Also ich habe nicht richtig verstanden, warum. Ich habe mich einerseits gefreut, dass sie mich das gefragt hat. Andererseits habe ich gedacht, wir haben das doch auch alle hingekriegt, du bist doch ein starkes Mädchen. Du kriegst es doch hin. Und als ich dann dort war, habe ich in den 14 Tagen… Ich habe völlig vergessen, wie viel Arbeit das ist, ein Kind zu kriegen und zumal das erste. Ich habe das komplett nicht mehr gewusst. Und wo ich das hingeschoben habe, weiß ich nicht. Das war wie ein Kulturschock nochmal. Und ich habe mich bei meiner Tochter entschuldigt und nochmal bedankt, dass sie mich da eingeladen hat. Und kurz darauf war das Interview mit der… Und da bin ich wirklich in Tränen ausgebrochen und habe gesagt, ich habe mich so schlecht gefühlt, dass ich da so hart war. So hart wie ich auch meine Mutter immer empfunden habe. „Das kriegt man doch alles hin. Und da macht man kein Gewese drum.“ Und ich, die ich mir immer eingebildet habe, ich habe vielleicht einen Teil davon abgestreift und meine Kinder anders erzogen; nein dasselbe. Und jetzt hat sie einen Jungen gekriegt vor acht Wochen. Sie sind inzwischen nach Leipzig gezogen und sie hat mich für vier Wochen angefragt. Ich habe noch nie in meinem Leben vier Wochen Urlaub genommen, also jedenfalls nicht, seitdem ich in diesem Institut arbeite. Da habe ich das also auch eingetragen und habe das gemacht und war aber wieder überrascht. Ich brauchte diese Auffrischung regelrecht und dachte was, ja, stimmt. Ich war ja damals mit zum Helfen und so und ich habe jetzt gemerkt, zwei Kinder sind ja wirklich nochmal viel mehr als eins. Wie ich dazu gekommen bin, zu denken, dass das alles schon irgendwie sehr gut zu machen geht? Heute bin ich der Meinung, gerade nach der Erfahrung als Großmutter jetzt, Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ein Schmarrn, das geht überhaupt nicht. Das geht nur zu einem ganz hohen Preis oder wenn alle wirklich immerzu in dieser Familie gutwillig an einem Strang ziehen. Aber wo ist denn das schon oft der Fall? Also ich glaube zutiefst nicht mehr dran. Also, ich bin wirklich geheilt von diesem Gedanken, dass das alles möglich ist. Es ist möglich – wir haben das ja auch erlebt –, aber ich habe offenbar diesen Preis dafür verdrängt. Und es macht hart. Und das möchte ich nicht nochmal, dass ich nochmal erinnert werden muss, wie viel Arbeit das ist und wie viel schöner es ist, wenn man Unterstützung kriegt.

 

I: Bleiben wir bei der Unterstützung und gehen weg von der Familie. Du hast relativ am Anfang erwähnt, dass Freundschaften entstanden sind. Deswegen die erste Frage: Kanntest du von der Louise-Otto-Peres-Gesellschaft Leute schon vorher? Du hast Johanna Ludwig erwähnt und erzählt, dass ihr euch 1992 kennengelernt habt. Und von dem Rest der Bande? Kanntest du da jemanden vorher? (B: Ich glaube nicht. Die habe ich dann alle erst später kennengelernt.) Und wie würdest du das Verhältnis unter den aktiven Mitgliedern beschreiben? Wie hast du die zusammen erlebt?

 

B: Das ist jetzt heikel. Ich sage es, wie ich es denke und wie ich es erlebt habe. Also, wenn wir alle zusammen waren, war das schön und war das besonders. So wie ich es vorhin auch erzählt habe. Das stimmt auch alles. (überlegt) Es ist jetzt nicht ganz so einfach. Johanna Ludwig hatte nicht immer eine glückliche Hand, mit ihren Frauen umzugehen. Es saßen in der MONAliesA immer wieder Frauen, die hinterher geweint haben oder auch zwischendurch mal gekommen sind und einfach nicht mehr konnten und gesagt haben, sie halten es nicht mehr aus. Die haben sich aber auch nicht getraut, sich gegen den wirklich sehr autoritären Stil durchzusetzen. Ich habe versucht, Beistand zu geben, aber ich habe auch irgendwann nach Jahren zu einer Frau sagen müssen: „Wenn du immer nur zum Weinen hierherkommst und nie was unternimmst, dann wird sich nichts ändern.“ Es war bis zum Schluss so. Mir ist das nicht passiert. Also mir gegenüber ist das nie passiert, dass sich Johanna im Ton vergriffen hätte oder irgendetwas gemacht hätte, wo ich mich beklagen könnte. Aber diese Sache ist leider… Und das ist wirklich nicht einfach, das zu erzählen. Weil sie zum einen tot ist und sich jetzt nicht mehr wehren kann. Und dennoch ist es für manche Frauen so gewesen. Es war vielleicht nicht für alle Frauen so. Es gab auch ganz starke Frauen, wie Godula, die hat da ihren eigenen Weg gefunden, damit umzugehen oder ihr ist es auch nicht so sehr passiert. Das ist aber jetzt auch nur eine Vermutung. Aber viele andere haben viel geweint.

 

 

I: Hast du Freundinnen gefunden in und mit der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft? Oder auch Freunde, denn da waren ja auch Männer aktiv.

 

B: Ja, die Männer waren in meiner Erinnerung alle sehr alt und eher zahlende Mitglieder, glaube ich, und sind zu Veranstaltungen gekommen und haben sich manchmal in den Vordergrund gespielt, mit langen Reden, die sie gehalten haben. Die Männer, nein, da habe ich gar keine Bilder. (I: Dann bleiben wir bei den Freundinnen.) Also Freundschaften, so wirkliche Freundschaften, nein. Aber sehr, sehr… Also Godula noch, wir haben zumindest auch zusammen schon runde Geburtstag gefeiert und hatten auch gemeinsame andere Freundinnen wiederum, wovon auch eine gestorben ist, auch sehr jung gestorben ist. Beate Gunia war eine gemeinsame Freundin, und das hat uns auch sehr lange verbunden. Die war schwer krank mit MS, und da waren Godula und ich auch in enger Verbindung. Ich bin durch eine Mitfahrgelegenheit zufällig mal bei ihr im Auto gelandet. Und da hatten wir endlich mal richtig viel Zeit, miteinander zu reden, weil wir bis nach Bonn mussten. Also, Godula ist noch die, die mir so einfällt und wo es mir sehr nahegeht, auch bis heute. Selbst wenn wir uns jetzt im Moment gar nicht mehr so sehen. Aber die anderen Frauen habe ich eher sehr, sehr geschätzt. Also diese Forscherinnen. Die hatten alle auch so einen Tatendrang und Chuzpe, oder wie man das so sagt, also wirklich Energie. Da sind ja leider auch schon etliche gestorben. Aber da war wahrscheinlich doch nicht genug Berührung, aber sehr viel gegenseitige Achtung und auch das an einem Strang ziehen. Aber Freundschaften nicht. Mit wem ich wirklich auch gut befreundet bin, ist Gerlinde Kämmerer. Auch nicht immer einfach. Das mache ich mal in Klammern. Aber sie ist zumindest eine sehr streitbare Freundin, mit der ich einfach auch gut zurechtkomme oder wo ich denke, so eine habe ich sonst auch nicht im Freundeskreis, so wie sie ist. Ja, ich weiß gar nicht, wann Gerlinde zur Louise-Otto-Peters-Gesellschaft gekommen ist? Ich kann das jetzt gar nicht sagen. Aber das hatte nichts mit der LOP zu tun, das sind andere Kreise gewesen. Aber nun ist es schon mal da, dann fällt es mir jetzt auch ein.

 

I: Wir kommen zum Ende des Gespräches. Eine der abschließenden Fragen ist, ob es Themen gibt, die du dir durch die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft neu erschlossen hast? (sprechen gleichzeitig) Oder Persönlichkeiten historischer Art, denen du begegnet bist, die du vielleicht sonst nicht kennengelernt hättest?

 

B: Das kann man ja nie wissen, ob man sie nicht kennengelernt hätte. Und man stolpert ja nun über Louise Otto-Peters in Leipzig, aber das kann auch Johannas Verdienst sein. Sehr. Und der von den Vereinsfrauen und Männern. Fakt ist, ich hätte niemals so viel Bücher gelesen von Louise Otto-Peters. Die finde ich nicht nur einfach, da finde ich auch ganz oft keinen Zugang. Aber wenn man wissen will, was man anbietet, muss man es schon selbst auch gelesen haben. Mir haben die politischen Sachen mehr gegeben von ihr. Also dieses: „Wer an sich selbst zu denken vergisst, wird vergessen werden.“ Oder eben „Das Recht der Frauen auf Erwerb“, die Grundlage schlechthin oder eben das „Spielplätze schaffen“. Und es gibt kaum einen Stadtrundgang, den ich mache, mit Freunden aus dem Ausland, Freundinnen, wo ich nicht diese Orte auch ablaufe, und sage, dass Henriette-Goldschmidt-Haus wäre da gewesen, und die Henriette-Goldschmidt-Schule zeige und dann auch der jüdische Hintergrund und der Spielplatz mit dem Denkmal von Louise Otto-Peters und so weiter. Also ich denke, das ist sehr, sehr tief in mir alles drin und kommt dann auch wie selbstverständlich raus, wenn es um Leipzig für mich geht. Und das wäre nicht so gewesen, wenn Johanna dieses mit ihren Vereinsmitgliedern nicht so großgemacht hätte. Oder eben dieses Ding mit der Straßenbahn, als ich da plötzlich überall diese Frauen an der Straßenbahn gesehen habe. Und immer gibt es noch was, was man immer noch nicht wusste. Ich habe neulich eine jüdische Stadtführung mitgemacht in Leipzig und da habe ich auch noch mal etwas gehört über Henriette Goldschmidt, was ich nicht wusste, zum Beispiel auch. Und das ist ja auch das Schöne am Leben, dass es immer weitergeht. Aber Johanna hat da auf jeden Fall sehr, sehr viel gemacht dazu, mit ihrem Verein.

 

I: Würdest du sagen, dass das, was du mit der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft über die Historie gelernt hast, dein Verhältnis zu gegenwärtigen frauenpolitischen Fragen irgendwie verändert hat? Nein. Du schüttelst den Kopf.

 

B: Oder ich habe die Frage dann vielleicht nicht richtig verstanden. (überlegt) Ich habe schon eher das Gefühl, dass Louise Otto-Peters wirklich in die Geschichte guckt und ich habe da nicht das Gefühl für die Gegenwart oder so. Auch nicht nach vorne.

 

I: Die Frage ist eher sozusagen, dass das, was durch die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft vielleicht ans Licht gekommen ist, an historischen Begebenheiten, an Texten, ob das bei dir Veränderungen ausgelöst hat, in Bezug auf die Gegenwart?

 

B: (überlegt) Am stärksten diese beiden Sprüche von ihr, weil das unmittelbar mit der Gegenwart zu tun hat, diese Erwerbstätigkeit. Und auch dieses, dass es im Osten dann plötzlich so war, dass die ersten, die auf die Straße flogen, die Frauen waren zur Wende. Das hat einen sehr gegenwärtigen Bezug. Aber die Schriften an sich, für mich wahrscheinlich nicht. „Schloss und Fabrik“ und alles... Da gibt es so viel, wo auch kluge Gedanken drin sind, aber der Zugang für mich nicht so leicht ist. Dostojewski, der hat ja nur auch vor langer, langer Zeit geschrieben, aber den kann ich heute immer noch ganz gut lesen. Und da fällt es mir schon schwerer bei Louise Otto-Peters, das muss ich schon gestehen. Auch mit den Gedichten. Das ist auch nicht immer einfach gewesen. Aber sie hat trotzdem was zu sagen gehabt, gar keine Frage. Also zum Beispiel auf so einer Stadtführung spielt das für mich keine Rolle. Da würde ich das nicht erzählen, das erzähle ich jetzt nur, weil du fragst.

 

I: Damit sind wir am Ende. Gibt es etwas, was ich jetzt nicht gefragt habe, was dir aber sehr wichtig wäre, zu erzählen?

 

B: Nein. Aber meine Freude muss ich darüber noch einmal betonen, dass ihr jungen Frauen hier seid und solche Sachen fragt und euch dafür interessiert und euch damit beschäftigt. Also das heißt, irgendetwas muss auch dieser Verein, nicht nur irgendetwas, ganz viel richtiggemacht haben, dass er fortbesteht. Also dass es Frauen lockt, wo es doch so viel Verlockendes gibt, sich mit den Themen zu beschäftigen. Und vielleicht nur noch zur Richtigstellung: Ich glaube zutiefst, dass diese Frauen, eine Grundlage geschaffen haben, auch im Denken, Frauen und Erwerbstätigkeit und sowas. (I: Diese Frauen aus dem neunzehnten Jahrhundert?) Ja. Aber sie sind natürlich, und das ist bei Johanna auch manchmal ein bisschen kurz gekommen, da hat sie keine richtige Luft drangelassen, auch kritisch zu sehen. Da war auch sehr viel merkwürdiges Gedankengut dabei. Und das zu besprechen, war schwierig. Ja, also genau wie dieses mit der Gleichberechtigung, was ich mal ganz am Anfang im Vorgespräch erzählt habe. Da waren wir unterschiedlicher Meinung, was aber nicht schlimm ist. Aber, dass diese Frauen eben auch mitunter merkwürdige Haltungen hatten, was man aus heutiger Sicht vielleicht merkwürdig findet, vielleicht damals nicht. Also bei aller Fortschrittlichkeit, ja, gehört das für mich mit dazu, dass man das vielleicht sich mal anguckt und vielleicht aufarbeitet und daraus etwas lernt. Ja, das wäre es noch.

 

I: Vielen Dank. (B: Euch. Euch auch.).

 

Ende