Interview mit Prof. Dr. phil. habil. Ilse Nagelschmidt

geführt für die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V. von Kathrin Will am 19. April 2023 in Leipzig

Nach dem Transkript überarbeitete und redigierte Fassung von Laura Peter und Kathrin Will.

Rechte vorbehalten.

 

I: Wir führen heute ein Interview mit Professor Doktor phil. habil. Ilse Nagelschmidt am 19.04.2023 vormittags im Louise-Otto-Peters-Archiv. Ich bin Kathrin Will, außerdem anwesend ist noch Frau Laura Peter. Und wir würden einsteigen mit einer Frage: Mir ist bekannt, Sie sind Literaturwissenschaftlerin und in den 1990ern haben Sie als Gleichstellungsbeauftragte der Universität Leipzig gewirkt. Und ob Sie uns einfach ein bisschen davon erzählen könnten?

 

B: Es ist jetzt wirklich ein Rückgang in die Geschichte, obwohl es nur 30 Jahre her ist, der aber mit ganz viel Emotion, Erinnerung, teilweise leider Gottes auch schon verschwundener Erfahrung verbunden ist. Wie hat das ausgesehen? Ich bin 1992 an die Universität gekommen. Eine Universität, die in einem totalen Wandlungs- und Neuaufbauprozess in dieser Zeit sich befunden hat, wo also jede Institution, jede Fakultät, die damals wieder gegründet worden ist, jedes Institut und natürlich auch jede Möglichkeit, im Service zu erarbeiten, tätig zu sein, für andere einzutreten, auf den Prüfstand beziehungsweise im Neuaufbau verbunden gewesen ist. Und diese Zeit, und wir werden ja nachher noch darauf zurückkommen, ist ja eine Zeit gewesen von einer, vor allen Dingen auch von uns Frauen, hier in Leipzig vorhandenen absoluten Besinnung, was können wir machen, was können wir erreichen, wo kommen wir überhaupt her? Was müssen wir bewahren? Ich könnte Ihnen also jetzt eine ganze Reihe von Fragen nennen, die wir uns damals gestellt haben, wenn wir uns getroffen haben und ähnliches. Und dazu gehörte natürlich auch in einer solch Rieseninstitution wie die Universität Leipzig, was man nicht vergessen darf, sie war damals wirklich ein Riesenschiff, und dieses Schiff ist reduziert worden, in dem ganz viele Bereiche abgewickelt wurden, neu aufgebaut und, und, und. Und was wir nicht vergessen dürfen, dass da in diesen Prozessen vor allen Dingen die Frauen die Leidtragenden gewesen sind. Und warum? Unter den Professoren gab es im Vergleich zu heute weitaus weniger. Und wo waren die Frauen? Die waren im akademischen Mittelbau, und den hat man nicht mehr so gebraucht. Also das man sich das auch nochmal unter Ihrer Fragestellung genau ansieht. Ja, und so kam es, dass meine Vorgängerin Frau Professorin Arnold, die das nur interimsmäßig, also als allererste gemacht hatte, aber gesagt hatte, sie ist Afrikanistin gewesen, ich schaffe das in keinster Weise jetzt mit dem Neuaufbau auch meines Instituts, dass ich diese Doppelfunktion habe, für wenige Monate dieses Amt wahrgenommen hat. Und es wurde jemand Neues gesucht. Ja. Und wie es so ist, wenn man was will, muss man dann irgendwann auch Verantwortung übernehmen. Und so bin ich am 08. März, das ist also ein sehr schönes Datum gewesen, des Jahres 1994 vom Akademischen Senat bestellt worden. Wir haben es geschafft, das war allerdings zu meiner Zeit, heute ist das anders, dass die Funktion der Gleichstellungsbeauftragten eine Wahlfunktion war und dass die Gleichstellungsbeauftragte immer weiter in dem Bereich, wo sie gearbeitet hat, tätig war. Also nicht der Beruf der Gleichstellungsbeauftragten, sondern wirklich auch das Ehrenamt mit der guten Voraussetzung, dass es ein paar Stunden Unterstützung vonseiten der Universität gegeben hat. Also eine halbe wissenschaftliche Mitarbeiterinnen-Stelle, eine Sekretärinnen-Stelle und ähnliches. Aber wir waren im Institut verortet und in der Funktion. Ja, was bedeutete das? Das bedeutete zunächst erst mal eine auch Sensibilisierung. Ein Bereich, der in einer totalen Umwälzung, Umstrukturierung ist, wo eigentlich alles wirklich, wie ich das schon sagte, auf den Prüfstand erhoben wurde. Da sind die ureigensten Befindlichkeiten, die Wünsche nicht das, was immer ganz oben gestanden hat. Auf der anderen Seite, wenn mein Arbeitsplatz verschwindet, wenn ich auf einmal nicht mehr gebraucht werde, dann brauche ich natürlich jemanden, wo ich einen gewissen Halt, eine Beratung und ähnliches finde. Und ganz wichtig, es ist die große Zeit der Berufung gewesen. Das darf man nie vergessen. Wir hatten ja an der Universität ein Modell, was ich bis zum heutigen Tag gut finde, nämlich der Lehrbetrieb musste ja aufrechterhalten werden. Und so gab es Professoren und Professorinnen neuen Rechts, die also aus der DDR übernommen worden sind in dieses neue Prinzip. Denn jede Prüfung, die abgenommen wurde, jedes Doktorat, was entsprechend erfolgreich zu Ende geführt wurde, bedurfte ja einer Unterschrift. Und da brauchte man auch diejenigen, die die Verantwortung hatten. Und dann kamen die Neuen dazu. Und Berufung auf Berufung. Und da wurden natürlich Weichen für die Zukunft gestellt und das bedeutete Tag- und Nachtarbeit. Als ich 2019 emeritiert worden bin, habe ich mein Büro aufgeräumt. Was aber immer noch nicht zu 100 Prozent aufgeräumt ist, ich bin ja inzwischen auch umgezogen. Und habe wirklich Hefter auf Hefte auf Hefter, was für mich auch wichtig gewesen ist, nochmal sortiert und angesehen: Es war eine Mammut-Arbeit, aber es war eine Arbeit, die sich gelohnt hat. Das war also das eine. Das war die Arbeit in der Institution. Das waren strukturelle Dinge, die wirklich erledigt werden mussten. Und dann dürfen wir nicht vergessen, wo sind wir eigentlich hergekommen? In der DDR gab es an den Einrichtungen Frauenbeauftragte, die aber immer unter dem Diktat der Institution gestanden haben. Wir hatten jetzt doch eine Autonomie. Wir hatten auch ein Hochschulgesetz. Wir hatten die Möglichkeit, zwar nie unser Veto so direkt einzuwerfen und das auch als Stimme zu haben, aber wir konnten uns immer melden und konnten dadurch auf diese Art und Weise auch sehr viel erreichen. So, dass war das eine. Und das andere ist, in einer Universität in diesen Prozessen etwas zu bewirken, dass Frauen nicht nur ein Appendix sind, dass Frauen nicht nur eine Zählgröße sind. Und wir wissen ja selbst bis zum heutigen Tag, ich habe mir das noch mal angeschaut, ich habe heute Abend einen sehr schönen Salon, wo eine Professorin der Uni, nämlich Katja Kanzler, mein Gast sein wird und wir haben es an der Uni immer noch nicht geschafft, dass 30 Prozent Professorinnen sind. Und wir schreiben heute das Jahr 2023. 1994 bin ich Gleichstellungsbeauftragte geworden. Also ein ellenlanger Prozess, Frauen kenntlich machen, Frauen zeigen, was sie tun, was sie auch erreicht haben. Frauenforschung, das ist eigentlich der nächste Schwerpunkt. Und in meiner Amtszeit, ich bin ja bis 2002 die Gleichstellungsbeauftragte gewesen, haben wir etwas geschafft, wo ich heute noch stolz bin: Wir haben nämlich das Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung gegründet, was heute umbenannt worden ist, was aber richtig ist, nämlich im Hinblick auf diese Interdisziplinarität. Und wir haben es erreicht in 14 Fakultäten, wir sind ja eine ziemlich große Fakultäten-Universität, allerdings nie mit dem Status einer Volluniversität, weil uns die Techniker und diese Ausbildung in Leipzig fehlt oder logischerweise, das ist in Chemnitz oder in Dresden... Und so haben wir damals bereits acht Fakultäten gehabt, in denen eine solche Forschung betrieben worden ist. Und das ist weiter ausgebaut worden. Und das war, jetzt Ihre Frage abgerundet, auch mein Ziel, mein Vorhaben, dass wir gesagt haben, wir müssen jetzt hier an dieser Universität etwas erreichen. Und vielleicht noch einen Satz, der für mich in der Erinnerung heute, wo so viel wieder Ost-West-Diskussionen sind, die ich persönlich nicht förderlich finde. Aber ich rede jetzt von mir. 14 Fakultäten plus die Zentralverwaltung. Wir waren ein starkes Team von Frauen. Und wir waren ein starkes Team aus Ost- und West-Frauen. Und ich denke an unsere ersten Zusammenkünfte. Die waren nicht einfach. Das ging los mit ganz schlichten Momenten. Jede stellt sich mal vor. Natürlich meine Westschwestern, das sage ich heute noch liebevoll, stellten sich vor: „Ich bin Pädagogin.“ „Ich bin Psychologin.“ Absolut natürlich aus ihrer Sozialisation. Und die zweite Frage war, was wollen wir erreichen? Natürlich auch aus dem, was sie in ihrem Leben schon gekämpft, was sie für Erfahrungen hatten. Wir müssen also das und das, und immer Konfrontation. Bei ganz vielen war das gar nicht böse, sondern aus ihrer Erfahrung heraus. „Wir schaffen es nur, wenn wir so und so vorgehen.“ Das war der eine Teil. Der andere Teil meine Ostschwestern, ich werde es nie vergessen: „Ich bin Physiker.“ In dem Moment hoben sich meine West-Schwestern so halb aus dem Sessel wie zunächst meine Ostschwestern. Gut. Was bedeutete das? Wir haben uns kennengelernt und wir haben uns nicht in der boshaften Auseinandersetzung kennengelernt, sondern wir haben uns kennengelernt, in dem wir dann das Schlichteste von der Welt gemacht haben: Erzählt doch mal, wo ihr hergekommen seid? Und ich werde es nie vergessen, Heidi Adam, Professorin an der dann neu gegründeten Erziehungswissenschaftlichen Fakultät, hatte immer einen wunderbaren Satz, nämlich in Hinblick wo müssen Frauen hin. Da gab es ja noch die W3- und W4-Professuren. Und sie sagte, was ist eigentlich eine W-drei-Professur wert? Stellt euch mal einen normalen Stuhl vor, der hat vier Beine. Also brauchen wir auch vier Beine und nicht drei Beine. Und dass waren solche Momente, die einfach ganz stark waren und wo wir auf dieser Art und Weise die andere eigentlich viel, viel stärker kapiert haben. Oder ich denke an Dorothee Alfermann, die aus Köln zu uns gekommen ist, die damals noch einen kleinen Sohn hatte und die ihre ganz schlechten Erfahrungen des Westens in Hinblick auf eine Professorin mit Kindern mitgebracht hatte und gesagt hat: Was habe ich jetzt? Ich habe eine tolle Kinderbetreuung. Ich habe auf einmal nicht mehr die Frage, kannst du denn da noch bleiben oder musst du bleiben oder ähnliches? Es ist ganz selbstverständlich, dass eine berufstätige Frau und Professorin hier entsprechend arbeiten kann. Und das ist ein Prozess gewesen, der war nicht in einem Monat vorbei. Der hat wirklich gedauert. Und, um das Ganze abzurunden, ich glaube, 1995 oder 1996, ich weiß es nicht mehr, hatten wir eine große Podiumsdiskussion mit, ich glaube, den meisten Studentinnen, die wir je zusammengekriegt haben, unter der schönen Überschrift „Wie sind wir so geworden, wie wir sind?“. Es war eigentlich nur eine Bedingung: Ost-West-Professorinnen. Und die waren zu alle so um meinen Jahrgang. Ich bin 1953, also 1951, 1952 bis 1955, 1956. Und wir haben uns vorn auf dem Podium erzählt, wie wir so geworden sind, wie wir sind und was uns befördert und was uns gehemmt hat. Und da ist es noch mal sehr, sehr deutlich wirklich diese Riesen-Differenz herausgekommen, wir aus dem Osten hatten zum größten Teil Kinder und meine West-Kolleginnen haben das ganz ehrlich und sehr subjektiv wirklich an ihrer Biografie erzählt, wo sind sie hergekommen. Teilweise aus kleinen Orten irgendwo im Saarland. Was ist ihnen übriggeblieben, wenn sie einen tollen Schulabschluss hatten? Entweder sie wurden Lehrerin, sind dann irgendwie wieder zurückgekommen, haben dann Kinder bekommen, und damit wäre eine Karriere logischerweise sofort gekappt worden. Oder sie hätten, und das haben sie dann auch gemacht, gesagt, wir studieren weiter, wir promovieren, wir werden uns habilitieren lassen und, und, und. Und da hat eine Familie keine Chance gehabt. Und diese Diskussion hat uns damals, das ist also in den 1990er-Jahren gewesen, ganz vieles von den Dingen, die ja heute immer wieder diskutiert werden, und Ost-West und die großen Differenzen und die Anwürfe, das haben wir nie gehabt. Und darauf bin ich bis zum heutigen Tag wirklich noch stolz. Wie gesagt, es gab immer wieder mal ein paar Reibereien und es gab immer mal wieder den Wunsch meiner West-Schwestern dann vor den Senatspforten einen kleinen Sitzstreik machen zu wollen, aus der Logik heraus begründet. Wir haben dann aber auch gesagt, nein, es geht nicht. Denn das war damals unter dem Rektorat vom Herrn Kollegen Weiss. Ich weiß, er hätte das auch in der Hinsicht nie gewollt, weil wir immer gesagt haben, wir müssen die Universität wirklich in dieser schwierigen Phase wieder zu einem Schiff gestalten, was in die offene See hinausfahren kann. Und wir müssen versuchen, immer wieder einen Konsens zu finden. Und Sie können sich vorstellen, dieser Konsens bei Stellenabbau, bei Umstrukturierung… Ich ziehe heute noch vor allen, die seinerzeit im Senat gearbeitet haben, im Rektorat gearbeitet haben, die Beauftragten in den Fakultäten, den Hut, was da erreicht worden ist. Denn die Gleichstellungsbeauftragten in den Fakultäten sind ja immer diejenigen gewesen, die es zuerst haben abfangen müssen. Die haben es zuerst diskutieren müssen und, und, und. Soweit etwas zu Ihrer Frage.

 

I: Sie haben im letzten Monat in Ihrem Grußwort zum Festakt, und da kommen wir vielleicht wieder auf diese Zeit der Besinnung Anfang der Neunziger, wo kommen wir her, wo gehen wir hin, erzählt von der Situation, als Sie mit Frau Christel Hartinger und Frau Johanna Ludwig 1992 zusammengesessen haben. Vielleicht könnten Sie uns davon noch mal erzählen und dann daran anschließend, wie es dazu gekommen ist, dass die Louise-Otto-Peters Gesellschaft gegründet wurde?

 

B: Ja, es ist eigentlich genau in diesem Kontext. Ich habe, als ich diese paar Minuten Gelegenheit hatte, das Grußwort zu sprechen, natürlich auch hingeschaut in die Richtung zweier ehemaliger Kollegen von mir, die mit hier unten im Haus des Buches gesessen haben. Ich habe ja an der Pädagogischen Hochschule gearbeitet als Literaturwissenschaftlerin. Und an der Pädagogischen Hochschule war eine ganz große Forschungssäule und zwar in der damaligen Sektion Geschichte, Fakultäten gab es ja in einem anderen Strukturzusammenhang, die Sektion Geschichte, die sich mit der Frau in der Geschichte intensiv beschäftigt hat. Und das war natürlich über lange Jahre die Frau in der Arbeiterklasse, das war die Frau in der kommunistischen Bewegung. Das waren natürlich die großen Frauen, wie Clara Zetkin und ähnliche. Und dann hatte ein Paradigmenwechsel stattgefunden, um den man heute gar nicht mal so sehr weiß oder den man nicht richtig zur Kenntnis nimmt: Nämlich, dass es nicht nur die Frauen der Arbeiterklasse, sondern vor allen Dingen die bürgerliche Frau gewesen ist, die im neunzehnten, zwanzigsten Jahrhundert ganz, ganz viel bewegt hat. Und so sind auch die ersten Arbeiten dazu erschienen, so sind die ersten Promotionen erschienen. Edith Schotte hat damals ja zu Mary Wollstonecraft eine wirklich tolle Dissertation geschrieben. Und so hat diese gesamte Forschungsgemeinschaft in der Sektion Geschichte auch ihren wissenschaftlichen Fokus total erweitert. Und da kommt Johanna Ludwig natürlich ins Spiel. Und ich habe Johanna Ludwig in den 1980er-Jahren kennengelernt. Ich selber bin zur DDR-Literatur und zum Bild der Frau in den 1950er- und 1960er-Jahren promoviert worden und habe in dieser spannungsgeladenen Zeit meine Habil-Arbeit geschrieben zu diesem wunderbaren Feld, was keiner wissen wollte, nämlich zur Frauenliteratur in der DDR. Es ist ein Feld, was seinerzeit absolut obsolet war. Warum, darauf kommen wir vielleicht noch zu sprechen. Und ich sollte einen großen Beitrag veröffentlichen. Und Johanna Ludwig war meine Lektorin, und so habe ich sie, das werde ich nie vergessen, Ende der 1980er-Jahre direkt kennengelernt, mit aller Strenge, mit aller Rigorosität. Ich habe nie eine so begnadete Lektorin gehabt wie sie, die aber auch nichts durchgehen ließ. Nichts. Jedes Füllwort wurde mir um die Ohren gehauen. Was manchmal nicht schön, aber was im Endeffekt fürs Leben eigentlich hilfreich war. Und so habe ich Johanna Ludwig kennengelernt. Und wir haben damals schon diskutiert im Hinblick darauf, wir müssen vielmehr auch zusammenmachen. Denn all diese Frauen, Ihnen muss ich es nicht erzählen, das ist wie Eulen nach Athen tragen… Die gute Louise Otto-Peters ist ja nicht nur eine Frauenrechtlerin und nicht nur eine Begründerin einer bürgerlichen Frauenbewegung, sondern die ist halt auch Autorin gewesen. Die Qualität der Texte lassen wir dahingestellt, aber sie hat teilweise auch sehr Schönes zu Papier gebracht. Ich muss sagen, es gibt einige Dinge, die mag ich bis zum heutigen Tag. Und so sagte damals schon Johanna vollkommen berechtigt, es ist ja logisch, die eine Seite nimmt sich vor allen Dingen dieses Feld vor und die andere Seite das, und das müssen wir zusammenführen. Es hat also keinen Zweck, wenn die einen das machen und die anderen das. Sondern Louise Otto-Peters gehört zu den Tendenz-Autoren des 19. Jahrhunderts die politischen Statements, die Forderung, die Willensäußerung natürlich auch literarisiert über ihre Beobachtung zu Buche gebracht haben. Das war also noch in den End-80er-Jahren der Gedanke. Und wir haben gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen der Geschichte 1989 oder 1990, ich glaube 1990 ist es gewesen, sogar noch so eine kleine Tagung zu Bertha von Suttner gemacht. Es bot sich an, 1899: „Die Waffen nieder“ Da bin ich nicht mehr so ganz sicher. Aber es war 1989 oder 1990, wo wir natürlich sie als Frauenrechtlerin, sie als Pazifistin und sie natürlich mit diesem großen Roman „Die Waffen nieder“, als Autorin, hatten. Und da war Johanna mit dabei. Und Sie sehen, dass ist also wirklich nicht ein Moment gewesen, was spontan war, sondern was vorbereitet war. Parallel dazu, leider lebt Christel nicht mehr, und Christel Hartinger ist für mich heute noch wirklich eine der großen Pionierinnen, eine der absoluten Vorbilder, die ich auch in meinem Leben habe, die nämlich in einem Lehrstuhl, wo ihr Mann, für mich auch heute noch eines der Vorbilder nämlich Professor Walfried Hartinger, durchaus berechtigt gesagt hat, aus seiner Position: Eine Frauenliteratur gibt es nicht. Und seine Frau hat gesagt: Jawohl, die gibt es. Und sie hat den Mut gehabt, auch im Lehrstuhl Veranstaltungen durchzuführen. Eine kleinere Konferenz, Tagung. Und das alles in diesen spannungsgeladenen Zeiten des Übergangs. Und so sind wiederum Johanna und Christel zusammengekommen. Also man muss sich das wirklich vorstellen, das sind diese berühmten Netze, die ausgeworfen werden. Und wenn Netze ausgeworfen werden, haben sie auch Erfolge. Und so kam diese große Überlegung. Und da war natürlich Johanna, man darf nie vergessen, welche Position und welches Wissen sie auch über ihre Arbeit im Verlag gehabt hat, in der Zusammenarbeit wiederum mit den Historikern, zu der wirklich guten Idee oder dem Projekt. Es ist nicht nur eine Idee gewesen. Wir müssen etwas tun im Hinblick auf Louise Otto-Peters, deren Leben ja nun in dieser Stadt einfach stattgefunden hat, die hier gearbeitet hat, gewirkt hat, ihre Partner gehabt hat und, und, und, und die hier dann schließlich auch gestorben ist. Ja, und dann kam es zu dieser denkwürdigen Begegnung. Denkwürdig war es gar nicht. Wir haben gesagt, ja, wo sollte man sich treffen? Kaffeehaussituationen, wie wir das heute haben, war ja alles doch ganz eingeschränkt. Und ich wohnte ja fast in der Innenstadt. Also Funkenburgstraße. Christel wohnte damals noch in der Humboldtstraße. Und Johanna in der Friedrich-Ebert-Straße mit ihrem Verlag. Also absolut fußläufig. Und da waren wir bei mir zu Hause und haben darüber beraten, wie können wir das nun machen? Heute einen Verein zu gründen, da hat jeder Ahnung. Dann nimmt man den Computer, da gibt man ein: Verein, was muss ich alles haben, wie viele Unterschriften brauche ich? Wie komme ich in das Vereinsregister? Wie muss ich mich beim Finanzamt anmelden? Wie erreiche ich eine Gemeinnützigkeit? Wenn ich taff bin, bin ich in einer Woche fertig. Wir schreiben aber Anfang der 90er-Jahre. Also haben wir uns erstmal… Und da muss ich sagen nehme ich das Pluralis Majestatis sofort raus, das ist vor allen Dingen Johanna gewesen, auch mit Christel zusammen, die sich um all diese Dinge wirklich gekümmert haben. Die Johanna war unermüdlich und hat sehr deutlich gesagt, wenn wir es jetzt nicht machen, wann sollen wir es eigentlich sonst machen? Und natürlich, man muss sich überlegen, da verschwanden ganz viele Archive, da verschwanden die Bücher aus den Regalen raus. Ja, also, wenn seinerzeit nicht Manfred und Heiner das Archiv der Hochschule zum größten Teil gerettet hätten, das wäre ja alles verschwunden. Ja, und so haben wir diese Einflugschneise genutzt. Und so ist dann im Jahr 1993 der Louise-Otto-Peters-Verein gegründet worden.

 

I: Können Sie uns skizzieren, welche Aufgaben Sie für den damals neuen Verein übernommen haben oder vielleicht auch Ämter? Was haben Sie für den Verein gemacht?

 

B: Also, ich habe nie ein Amt im Verein gehabt. Ich habe immer gesagt, ihr habt meinen Namen, ihr habt immer meine Hand, ihr habt immer meine Unterstützung. Und diese Unterstützung habe ich treulich… Eigentlich bis zum heutigen Tag erfülle ich dieses Wort, was ich seinerzeit Johanna gegeben habe. Ich habe Ihnen vorhin erzählt, was ich alles gemacht habe. Ich hatte also eine volle Stelle in der Germanistik, ich war Gleichstellungsbeauftragte und ich wollte die Forschung vorantreiben. Und da war mein erstes wirkliches Wort, was ich Johanna gegeben habe: „Johanna, 1995 machen wir eine Tagung zu Louise Otto-Peters.“ Und ja, ich sage, so gewisse Dinge sagen sich heute so einfach, da veranstalten wir einfach was. Es ist heute wirklich einfacher, als es damals war. Wir sind in keinster Weise taff gewesen, wo kriege ich nun überhaupt Gelder her? Heute weiß ich, dass es sehr wenig Geld gibt, aber ich weiß zumindest, wo ich es herbekommen kann. Und da kommt eine nächste Institution ins Spiel, immer Netzwerke, Verbündete. Es gab damals noch drei Regierungspräsidien, nämlich Leipzig, Chemnitz und Dresden. Und wir hatten im Regierungspräsidium Leipzig, eine ehemalige Kollegin wiederum von mir, Evelin Irmscher, die wir immer wieder auch in dieser Art der Interviews nennen sollen, ins Spiel bringen sollen, weil es dieses Netzwerk war, was uns heute vielleicht immer auch noch trägt und uns stark macht. Und Evelin hat uns diese Wege mit geebnet und hat gezeigt: „So, ihr müsste jetzt diesen Antrag stellen. Aber wenn ihr diesen Antrag stellt, bekommt ihr das Geld nicht hundertprozentig. Da braucht ihr einen Eigenanteil.“ Ja, wo kriegt man nun einen Eigenanteil her? Was ist überhaupt ein Eigenanteil? Erklären Sie das mal jemanden. Heute kann ich Ihnen das absolut paragraphensicher sagen. Wir wussten es alle nicht. Und so haben wir uns wirklich durchgekämpft. Und wir haben uns durchgekämpft und wir mussten natürlich auch einer Universität wiederum klarmachen… Das sollte ja in den Räumen der Universität stattfinden. Ein Verein also in der Kooperation mit der Gleichstellungsbeauftragten. Heute ist das alles anders. Aber wir reden von vor 30 Jahren. Es musste also klargemacht werden, wer ist dieser Verein? Gut, er war noch sehr jung. Wir konnten ja auf wenig zurückgreifen, wo wir sagen konnten, wir haben die und die Publikation und, und, und. So haben wir das ganz sauber und sicher erklärt, wer war Louise Otto-Peters und konnten die Räume der Universität nutzen. Und das ist nach wie vor etwas, was ich, wenn das vielleicht in 20, 30, 40 Jahren noch mal gehört oder gelesen wird, immer mit auf den Weg geben kann: Man muss sich diese offenen Räume auch suchen, um eine Plattform zu haben. Man muss nicht, dass ist einer meiner Lieblingssätze, in irgendwelche Schmuddelecken gehen, um etwas durchzuführen, sondern man braucht eine gewisse Repräsentanz. Und die haben wir damals gehabt. Ich glaube, wenn all diejenigen, die dabei waren, jetzt meine Worte hören würden, die würden vor Freude schmunzeln. Das war nämlich der noch nicht umgebaute Seminar-Komplex am Augustusplatz mit einem sehr eigenartigen Eck-Raum. Wir haben ihn immer als den Glaskasten bezeichnet, wo man also so von außen reinschauen konnte. Aber es war ein schöner, großer Raum. Wir haben ganz viele Leute gehabt. Und wir haben etwas gemacht, was damals top-wichtig war: Wir haben von außen Leute reingeholt. Wir haben geguckt, wer hat die Louise-Otto-Peters-Forschung, vor allen Dingen international, in den letzten Jahren vorangetrieben. Und so haben wir den Namen Ruth-Ellen Boettcher Joeres, Professorin in Minneapolis, die ja jetzt unser Ehrenmitglied der Gesellschaft ist, herausgefunden. Ruth-Ellen ist nach Leipzig gekommen und das war natürlich ein Durchbruch. Wir konnten hinterher, und das war für mich auch wichtig, dann berichten. Es gab ja noch das Konzil, was es ja heute nicht mehr gibt, wo ich jedes Jahr auch Rechenschaft geben musste über das, was ich getan und gemacht habe. Und ich konnte sagen, wir haben eine große Tagung zu Louise Otto-Peters gehabt. Wir haben eine internationale Beteiligung gehabt. Wir haben am Ende, hier steht es sicherlich irgendwo, auch dieses Buchprojekt gehabt. Und das war etwas, jetzt in Bezug auf Ihre Frage, was ich für die Gesellschaft habe wirklich machen können. Und dann kamen viele Tagungen dazu, immer wieder auch in der Kooperation mit der Gesellschaft. Und dadurch war es natürlich auch etwas, was jetzt zum Beispiel von Susanne Schötz an der TU Dresden weitergeführt wird, diese Kooperation zwischen der großen Institution, nämlich der Universität und dem Verein. Und das ist etwas für beide Seiten Existenzielles, denn ich habe damals immer schon gesagt, und das hat auch in unserer ersten Fassung mit dringestanden oder in unserer ersten Satzung, die Zusammenführung von einer universitären und einer außeruniversitären Forschung. Und warum? Weil ja ganz viele Frauen und Männer keine Chance mehr hatten, in der Institution zu arbeiten, aber ihr Know-how, ihre ganzen Fähigkeiten hatten. Es spielte ja auch noch mal jetzt bei der Feier zum dreißigsten Tag des Bestehens eine Rolle: Irina Hundt. Ich habe dann große Projekte natürlich mit Johanna gemeinsam ins Leben gerufen. Aber das konnte ich wiederum nur tun, weil ich ja in der Institution drin war, wo wir das Tagebuchwerk der Louise Otto-Peters haben endlich mal richtig aufarbeiten lassen. Irina Hundt und Susanne Schötz. Wir haben eine schöne große Tagung gehabt, und dann höre ich aber auch auf, am Beginn des Jahrhunderts endlich 100 Jahre Frauenstudium in Leipzig, wo ebenfalls Louise Otto-Peters mit als Gesellschaft beteiligt war. Also ich bin nie die Vorsitzende gewesen, ich bin nie die Schatzmeisterin gewesen. Aber ich erfülle wirklich dieses Wort, welches ich seinerzeit auf meinem Sofa gegeben habe: „Ich werde euch immer treu zur Seite stehen.“ bis zum heutigen Tag.

 

I: Sind Sie stolz darauf?

 

B: Ja, Stolz ist immer so ein schönes Wort. (I: Oder zufrieden mit sich, dass Sie das halten können?) Ich bin froh. Ja, froh und stolz. Man müsste sich jetzt noch einmal überlegen, wie ich Stolz definiere. Ja, ich bin froh, dass die Gesellschaft weiter existiert. Ich bin froh mit Frau Dr. Sandra Berndt… Sie war ja mal auch einer meiner Doktorandinnen und diejenige, die die Geschicke einige Jahre in den Händen hatte. Die Zusammenarbeit mit Susanne Schötz, mit Astrid Franzke, ja, das ist immer wieder dieses Netzwerk. Und das zeigt mir, wir haben etwas geschaffen, was keine Eintagsfliege war. Wir haben etwas geschaffen, was Zukunft hat und, Sie sind jetzt der beste Beweis, das eben nicht untergegangen ist. Und mir hat diese sehr schöne Zusammenkunft von vor ungefähr vier Wochen auch gezeigt, das, was wir seinerzeit angeschoben hatten, in Hinblick immer wieder auf die historische Bewahrung, ist jetzt weit hinausgetreten. Es hat jetzt auch ganze andere Linien erfahren. Und so glaube ich, hat die Gesellschaft auch einen sehr guten Bestand. Ich kann nur immer sagen, unsere Hartnäckigkeit und vor allen Dingen Johannas Hartnäckigkeit, die muss man sich bewahren.

 

I: Neben den Tagungen, die Sie selbst mit angeschoben und organisiert haben, gibt es andere Veranstaltungen von der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft aus dieser Zeit, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

 

B: Ja also, was mir in Erinnerung geblieben ist, das sind diese legendären Spaziergänge. Also, das muss ich wirklich sagen. Nun ist der Monat März nicht immer der Monat gewesen, der mich unbedingt animiert hat, mit irgendwelchen Stiefeln da durch das Rosental gehen zu wollen. Aber das sind wirklich Erinnerungen. Lustigerweise, wenn es wieder so weit war, war ich nicht die Begeistertste und habe gedacht, oh Gott, jetzt wird es wieder matschig und, und, und. Wir sind ja dann durch das Rosental bis in das Schiller-Häuschen gegangen. Aber das ist etwas, was mir wirklich in Erinnerung geblieben ist, dieses Gemeinschaftsgefühl. Dieses da stehen. Natürlich war ich diesem Stein immer soweit verbunden: Meine Tochter ist ja im Waldstraßenviertel aufgewachsen, und das bedeutete, dieser Spielplatz war für mich oder für uns so ein Stückchen Heimat. Aber es war etwas, was uns wirklich zusammengeführt hat, wo wir auch mal in Ruhe miteinander reden konnten. Und kurioserweise ist das heute das, und Sie haben es gemerkt, das kam sofort, was mir am nachdrücklichsten in der Erinnerung ist.

 

I: Sie haben die wichtigen Netze, die man auswirft, erwähnt. Neben der Universität, mit welchen Leipziger Institutionen oder Initiativen war die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft noch verbunden?

 

B: Also, was ja immer ganz, ganz wichtig war, das war natürlich mit denjenigen, die hier die Gleichstellung auch in den institutionellen Händen haben. Ich hatte Ihnen eben den Namen von Evelin Irmscher genannt, was insoweit eine Tragik dann auch für uns war mit der gesamten Umstrukturierung, wo die Regierungspräsidien nicht mehr so weitergeführt werden konnten. Und damit waren natürlich auch die Ansprechpartnerinnen weg. Und ich muss dazu setzen, Evelin war nicht nur die Geldgeberin, sondern sie war immer auch eine ganz aktive Macherin. Da muss man nämlich heute sagen, und das ist mir so bewusst, auch in Hinblick auf die jungen Frauen, mit denen ich zusammenarbeite, es geht nicht immer nur ums Geld, sondern es geht um das Herzblut derer, die dann auch das Geld geben. Evelin Irmscher ist 2006 gestorben. 2005 hatten wir diese wunderbare große Tagung hier in Leipzig: „Aufbruch in die Moderne“ Evelin war quasi vom Tod gezeichnet. Ich werde es nie vergessen. Und sie war noch bei dieser Auftaktveranstaltung dabei und hat gesagt, „das ist ja mit unser Kind“. Ich war seinerzeit in der Vorbereitung in Dresden. Wir haben dann, Evelin Irmscher, Genka Lapön, natürlich Johanna, und ich, immer wieder zusammengesessen. Denn das war ja eine große Tagung mit ganz vielen Dingen, die für uns einfach wichtig waren, dass wir ein Gesicht in der Stadt weiter hatten. Und, und, und. Also das ist für mich wichtig, nicht nur das Geld. Und das hat ja auch die Genka auf der Veranstaltung wieder sehr schön gezeigt. Sie ist mit ein Stück Wegbegleiterin. Und ich glaube, hier muss man das immer wieder neu sortieren. Johanna, die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft und die Goldschmidt-Gesellschaft, das war also so eine untrennbare Symbiose. Diese beiden Ur-Mütter, also Henriette Goldschmidt und Louise Otto-Peters. Und natürlich dann ihre Nachfolgerinnen. Also, das hat sich natürlich dann auch immer wieder neu zusammengesetzt. Oder seinerzeit MONAliesA, Susanne Scharff, das sind alles Namen, die man heute quasi vergessen hat. Ja, die mit so viel Herzblut seinerzeit diese Bücher zusammengetragen hat, die Veranstaltung durchgeführt hat. Und, und, und. Sodass also dieses Netzwerk vorhanden ist. Aber ein Netzwerk ist nie etwas, was zementiert ist, sondern immer wieder auch mit neuen Partnerinnen und Partner versehen werden muss. Für mich ganz wichtig, unser fast Urgestein: die Frauenkultur in der Windscheidstraße. Ja, also, das sind solche Dinge, die halten bis zum heutigen Tag. Und ich sage immer wieder, solange ich noch kämpfen kann… Und ich bin die Patin, jetzt nicht in Leipzig, sondern in Chemnitz, von der Lila Villa. Als ich nach Dresden kam, 2002, 2003, genau, da gab es ja diese drei großen Frauenorte. Das war die Oskarstraße in Dresden, die Lila Villa in der Kaßbergstraße und wir in der Windscheidstraße, wo immer wieder gesagt wurde, was soll das und keine institutionelle Förderung und, und, und. Und sie existieren noch alle drei. Ja, und das sind diese Dinge. Und da ist die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft so ein wunderbarer Mosaikstein. Und ein Mosaik ist nur schön, wenn alle Steine vorhanden sind. Und ein Stein funkelt manchmal etwas heller und manchmal etwas weniger hell. Aber es muss immer wieder diese Verbindung zu den anderen auch gesucht werden. Wir hatten dann… Das hatte allerdings dann das Zentrum für Frauen und Geschlechterforschung. Auch neue Vereine waren mit dabei. Wir hatten Männervereine mit dabei ist, die gegründet worden sind und wir haben uns da Partnerinnen und Partner gesucht. Und ich glaube, wenn das weiter so aufrechterhalten wird und diese Suche, dieses, was ist bewahrenswert, was kann man weitermachen, wo muss vielleicht mal wieder einen Blick auf etwas ganz Neues gerichtet werden? Wer hätte vor 30 Jahren gedacht, dass Queer eine solch große Rolle spielt? Ich glaube, Johanna wäre vom Stuhl gefallen. Wir wissen, dass wir heute ganz anders denken müssen. Und deswegen ist das wirklich ein wichtiger und fluider Prozess.

 

I: Gibt es, Sie haben das so schön als Mosaiksteinchen beschrieben, auch Mosaiksteinchen von außerhalb von Sachsen, also Institutionen, Personen (B: Ja.) auf Bundesrepublik-Ebene? Aber vielleicht auch darüber hinaus?

 

B: Ja. Das hat diese Konferenz damals sehr deutlich gemacht und auch weitere Tagungen, es hat ja zig Tagungen gegeben, dass es sehr stabile Partnerinnen und Partner gibt. Also wenn ich an das Archiv in Kassel denke… Dann muss man wirklich sehen, wie das dann auch gewachsen ist, wie man dann auch versucht hat, dieses Bündnis zu schmieden, wie wir versucht haben, nach Berlin dieses dortige Zentrum auch für unsere Ideen mit zu nutzen. Und das natürlich über Kolleginnen wiederum der Universität, die dieses Feld sehr gut kannten. Was ich vorhin schon über diese internationalen Beziehungen sagte, wenn ich an die Hannelore Schröder denke, wenn ich an Florence Hervé denke. Ja also all das, was wir hier als ein Riesenfundus haben. Jetzt muss man natürlich aufpassen: Wir sind alle nicht mehr jung. Ja, also, das ist das, was ich hier immer wieder sage… Das hat nichts mit kokettieren zu tun, ich bin immer noch frisch und kräftig. Aber wir müssen unsere Nachfolgerinnen und Nachfolger finden. Und das ist, glaube ich, die größte Hauptsache. Man hat es wiedergesehen, ich komme immer wieder auf diesen dreißigsten Tag zurück: Gisela Notz. Gisela Notz kenne ich seit den 90er-Jahren. Natürlich ist sie eine wunderbare Verbündete. Wo sie noch in der Ebert-Stiftung gearbeitet hat und immer wieder diese auch Anbindung dort, wo sie war. Aber, wo sind die Nachfolgerinnen von Gisela? Ja, also deshalb, dieses Netz ist da. Dieses Netz hat auch weiter Früchte getragen, aber es muss gepflegt werden. Und es muss geguckt werden, wo sind jetzt junge Frauen, die vielleicht für sich selber mal jemanden erschließen wollen, den wir noch gar nicht kennen? Ja, also, ich habe irgendwann mal gesagt, und das ist nicht unbedingt auf ein gutes Echo gestoßen, wir können uns nicht auf Johanna und auf unserer guten Louise ausruhen oder können daraus unser Bett machen. Das geht nicht. Und eine junge Generation… Ich habe noch Doktorandinnen und Doktoranden, die lesen natürlich diese Texte auch ganz anders, die gehen damit auch ganz anders um. Die haben andere Vorstellungen, andere Lebenskonzeptionen. Und das muss man eben nutzen, um zu sehen, gleichermaßen auch in dem Wissen, dass junge Frauen heute nicht mehr in Vereine hereinwollen. Sie wollen Projekte haben, das alles muss nach Möglichkeit zeitlich begrenzt sein, logischerweise auch aus ihrer Lebenssituation, aus ihrer Arbeitssituation. Aber wir, die wir mal eingetreten sind und heute immer noch in dem Verein sind, ich bezweifle, ob das ein Modell für die Zukunft ist.

 

I: Sie haben ja gerade erzählt, dass sich im Vergleich zu vor 30 Jahren auch einiges verändert hat. Und eine der größten Änderungen, die uns zumindest so im Vorhinein aufgefallen ist, ist natürlich, dass sich die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft irgendwann einen Computer angeschafft hat und auch ins Internet gegangen ist. Und können Sie uns dazu was erzählen, wie das so war?

 

B: Nein. Nein, da muss ich sagen, da muss ich passen. Ich weiß nur, dass Johanna peinlichst immer noch mit Stift und Radiergummi gearbeitet hat und dass sie eine Frau der alten Schule war und dass wir, als wir dann mit ihr diese Bücher gemacht haben, es nicht ganz einfach hatten, ihre Art auch des Lektorats so weiter mit ihr betreiben zu wollen. Also aus diesem normalen Ablaufprozessen bin ich wirklich raus gewesen. Denn ich war dann in Dresden und dann hatte ich genug mit dem Zentrum zu tun und habe logischerweise immer nur verfolgt, was passiert, und habe aber den normalen Tagesablauf nicht erfahren.

 

I: Aber vielleicht haben Sie ja so, Sie haben das ja gerade angedeutet, die Zusammenarbeit hat sich verändert mit dieser neuen Technik. Würden Sie sagen, dadurch haben sich noch einmal andere Chancen eröffnet, für den Verein?

 

B: Ja. Das muss ich auf alle Fälle sagen. Und das ist wohltuend. Also heute kommt man nicht mehr aus, ob man will oder nicht. Man muss sich präsentieren können. Man muss jeden in der Welt, wo auch immer er oder sie sich aufhält und wenn die etwas zu Louise Otto-Peters oder Goldschmidt oder frage mich mal, suchen, sofort zeigen, dass hier etwas präsent ist, wo das Ganze präsent ist, wer die Ansprechpartnerinnen und -partner sind. Also da nicht mitzumachen und nicht in den einzelnen sozialen Netzwerken zu sein, ist quasi tödlich. Da kann man sich abstrampeln, wie man will. Das braucht man ganz einfach. Ob es im Endeffekt immer gut ist, diese absolute Reizüberflutung, wage ich auch zu bezweifeln. Aber es ist genau der richtige Schritt. Wenn ich es nicht tue, bin ich einfach verschwunden. Natürlich muss ich mir gleichermaßen überlegen, ich bin in einem Meer der Informationen drin, und ich bin in diesem Meer der Information ein kleines Staubkörnchen oder ein Krümel oder sonst was. Also, dass ich mir immer wieder überlegen muss, wie kann ich mich präsentieren? Wie kann ich mich zeigen, über gewisse vielleicht Highlights oder Ähnliches. Aber dann ist die große Gefahr einer, sagen wir mal, fast billigen Vermarktung. Und wie oft bin ich selbst bei einigen Recherchen auf etwas gestoßen, was ganz groß angekündigt war. Und wenn man dann dahinter geschaut hat, hat man gesehen, es ist eigentlich nur ein Wind, der weht. Also insgesamt ein absolut begeistertes Ja. Auf der anderen Seite aber auch eine Vorsicht. Und man braucht Profis. Das ist mir also auch immer und immer wieder bewusst. Habe ich nicht die Profis, die am Werk sind, bin ich in gewisser Weise auch verloren.

 

I: Sie haben vorhin gesagt, Ost-West ist ein Thema, was eigentlich Ihnen nicht so nah ist. Und Sie haben aber auch geschildert, was das für eine gute Zusammenarbeit dann war mit den Kolleginnen aus Westdeutschland an der Universität. Wie war das so im Verein? Wie haben Sie da Ihre Mitschwestern, wie Sie das sagten, erlebt?

 

B: Also, wir waren natürlich eine sehr stark, auch oststrukturierte Gesellschaft über lange, lange Zeit. Vielleicht noch eins, dass das sehr deutlich wird: Ich komme aus dem Osten. Ich bin eine begeisterte Ost-Feministin, sage ich immer wieder, mit meiner Sozialisation, mit meiner Art, auch mein Leben strukturiert zu haben, wo ich heute vielleicht einiges nicht mehr so machen würde. Aber ich glaube, das ist ganz normal. Meine tiefste Überzeugung ist, wenn man immer wieder Gräben hat… Das hat nichts damit zu tun und das versuche ich auch bis zum heutigen Tag… Ich habe ja ganz viel im Ausland gearbeitet, bin ja heute auch noch im Ausland ziemlich präsent. Ich versuche es immer wieder zu zeigen, jeder von uns hat Wurzeln, und diese Wurzeln sind einfach ganz wichtig. Und diese Wurzeln zu verleugnen, ist das Teuflischste, was ein Mensch machen kann. Also zu zeigen, ich komme hier aus Leipzig. Ich habe hier studiert und, und, und. Und ich habe diese ganz typische Ost-Sozialisation. Meine Freundin, die aus dem Westen kommt, ist dort geboren worden, hat dort ihre Schule und, und, und. Und sie hat eine ganz typische West-Sozialisation. Und dann merken wir, dass wir ganz, ganz viele Gemeinsamkeiten, aber wir durchaus auch Differenzen haben. Und was ich über viele Jahre gelernt habe, ist, dass Differenz etwas sehr Gutes ist. Differenz ist etwas, was uns weiterbringt. Es ist auch noch mal, einen Blick auf sich selbst zu haben, dass ich nicht der Nabel der Welt, sondern dass ich jemand bin, der etwas erfahren hat, was ihn geprägt hat, wozu er auch steht. Und bei dem anderen genauso. Und aus diesem Wissen heraus, und das habe ich ja nun über viele Jahre erfahren, ist es gut und richtig, wenn man immer wieder diese Differenzen, wenn sie auftreten, auch benennen kann, ohne daraus etwas nur Konfrontatives, etwas nur auch den anderen Angreifendes macht. Und nichts ist schlimmer, als wenn ich Vorwürfe erhebe. Sondern ich kann ja etwas mitgestalten. Und wenn mir etwas nicht gefällt, kann ich das ja auch deutlich machen. Jetzt Ihre Frage: Wir sind in der Tat erstmal ein sehr stark oststrukturierter Verein gewesen. Und was man auch immer wieder sagen muss, es sind natürlich auch ganz viele zunächst mal dazugekommen, die in ihrem Arbeitsumfeld keine Chance mehr gehabt haben. Ja, also, da tut man manchmal ja heute so: naja, das wurde eben so gegründet und die hatten ja alle Zeit oder Ähnliches. Nein, die hatten einfach ihre Arbeit verloren und sind mit ihren Erfahrungen einer Berufstätigkeit, eines Gebrauchtwerdens, eines auch Erfolgreich Seins… Das gehört ja zum Selbstwertgefühl eines Menschen dazu. Die waren draußen. Und so haben ja ganz viele dieser Vereine, also Frauen-Technikverein… Genka Lapön ist auch aus dieser Richtung herausgekommen. Wenn ich dran denke, es ist jetzt nicht unser Thema. Aber es ist doch unser Thema. Draußen in Dreiskau-Muckern, ja, da hat dieser große Verein gesessen. Das waren Diplom-Ingenieurinnen, das waren Technikerinnen, die brauchte man auf einmal nicht mehr. (I: Meinen Sie das FrauenTechnikZentrum?) Genau. Und die haben etwas aufgebaut. Ja, und deswegen muss man es auch heute immer wieder erklären. Es ist erst mal etwas ganz stark Ostfrauenkonzentriertes gewesen. Ich kenne diese Kladde nicht, die gezeigt worden ist, nämlich die, die Johanna angelegt hat, mit Ostfrauen. Ich weiß nicht, was sie da drin gehabt hat oder was sie gesammelt hat oder ähnliches. Ich weiß aber noch eins, dieses berühmte Baden-Baden, was immer wieder thematisiert wird. Ich gehörte damals dazu. Das war natürlich logisch. Louise Otto-Peters, der spätere Mann in Bruchsal und diese Nähe zu Baden-Baden. Und wir waren diese Ostfrauen. Und auf der anderen Seite entzückende Westfrauen, die aber in manchem gar nicht wussten, was sie mit uns anfangen sollen. Ja, also, die dann wirklich auf die verwegene Idee gekommen sind, uns abends in das Spielcasino mitzunehmen. Das finde ich alles bis zum heutigen Tag entzückend. Aber da sieht man wirklich diese Differenzen, dieses nicht um das andere eigentlich wissen oder eindringen. Und die Gesellschaft hat in genau diesem von mir beschriebenen Moment zunächst ihre Wurzeln gehabt. Und dann kam auch die jüngere Generation dazu, die ebenfalls zunächst keine Chance gehabt hat, Fuß zu fassen in der Institution, dann über diese Projekte. Dann kam natürlich diese von außen Kommenden, also diese Internationalität. Und ich muss sagen, auf diese Art und Weise habe ich nie Brüche oder Ähnliches erlebt. Und das war das Angenehme. Jetzt muss man aber immer wieder dazu setzen, dass, so glaube ich, und das sind so meine Erfahrungen auch des universitären Raums, Frauen, aber auch Männer, die Interesse an einem Gegenstand haben, haben auch ähnliche Grunderfahrung oder ähnliche Ziele. Und da sind diese hausgemachten Differenzen oder Angriffe oder Ähnliches bei weitem nicht das, was überwiegt. Wie gesagt Differenzen, ja, sollen wir haben. Und wenn ich mir heutige Generationen ansehe… Ich hatte jetzt wunderbare zwei Tage in Prag, die Universität und Leipzig. Wir haben zu Franz Werfel gearbeitet. Vonseiten der Leipziger waren die Hälfte Westdeutsche, die Hälfte Ostdeutsche. Das spielt absolut keine Rolle mehr. Und das ist einfach so wichtig und so schön. Und deswegen mein Plädoyer, wenn die Gesellschaft weiter überleben wird, und davon bin ich überzeugt, müssen a) junge Leute, und natürlich immer wieder auch die Erfahrung derer, die vielleicht in Stuttgart oder in Bonn oder irgendwo sozialisiert worden sind, ihre Schule dort hatten, die dann hier sind und die mit voller Neugierde, mit Begeisterung an Gegenständen arbeiten, die ihnen vielleicht zu Hause so nie untergekommen sind…

 

I: Ich muss noch eine Nachfrage stellen, weil wir es vom FrauenTechnikZentrum hatten: Hatte die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft dorthin Kontakte? Oder gab es da eine Form von Zusammenarbeit?

 

B: Das weiß ich nicht. Das muss ich sagen. Also, ich hatte die Zusammenarbeit über Evelin Irmscher und über die Uni. Aber ich weiß auch nicht, ob Johanna da jemals mit draußen gewesen ist. Nein, da müsste man natürlich Genka befragen.

 

I: Auch auf die Gefahr hin, dass Sie mir vielleicht da gar nichts dazu sagen können: Wieso ist die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft so oft umgezogen, zwischen 1993 und 2015?

 

B: Das kann ich Ihnen sagen. Das hing immer wieder mit materiellen Dingen zusammen. Ja, jeder Raum, der bezogen wird, braucht eine Miete. Und das hängt natürlich auch mit… Also materiellen Bedingungen zusammen. Was hat die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft für ein Eigenkapital? Förderbedingung? Inwieweit können Räume gefördert werden? Ja, das ist genau diese Frage. Und so sind wir einmal durch die Stadt gezogen. Ich weiß noch, ein sehr schönes Gebäude, was ich genossen habe, das war das Budde-Haus. Allerdings waren es ja immer nur quasi die Dienstbotenräume, die Abstellräume oder sonst was. Aber das Budde-Haus, da hatten wir mal eine Führung durch dieses noch hochherrschaftliche Entrée, das Erdgeschoss und der ersten Etage, und wir saßen dann natürlich dann ganz weit oben. Es muss bezahlt werden und es hing dann natürlich an den Vermietern, wo es hieß, jawohl, wir werden bald rekonstruieren, ihr könnt hier mal ein Jahr drinbleiben und ihr könnt anderthalb Jahre drinbleiben. Dann war die große Frage, inwieweit kann die Stadt wieder unterstützen? Wie konnte früher das Land unterstützen? Und das ist die Beantwortung Ihrer Frage. Jetzt geht es natürlich weiter, nämlich die Verantwortung auch einer Gemeinschaft für diese Art eines zivilgesellschaftlichen Zusammenlebens. Ich weiß selbst, das hochkomplizierte Problem… Als ich seinerzeit nach Dresden gegangen bin, also am Beginn des Jahrtausends, da wurde jegliche institutionelle Förderung eingestellt. Und in dem Moment ist eigentlich schon der erste Todesstoß gekommen. Habe ich eine institutionelle Förderung, habe ich einen Raum, habe ich Personal, habe ich erst mal die Absicherung. Und dann kann ich arbeiten. Dann kommen die Projekte. Und jetzt ist das ja, Ihnen muss ich es nicht erzählen, genau andersrum. Ich habe erst mal die Projekte und wenn ich ein Projekt entwickeln will, muss ich unendlich viel ehrenamtliche Arbeit und, und, und in etwas hineinstecken, ehe ich dann dieses Projekt bekomme. Dann bekomme ich natürlich wieder Geld für Räume, für Computer und, und, und. Und damit hängt das Ganze zusammen. Unsägliche Quartiere: Waldstraße. Sie werden die alle gar nicht kennen. Ja, da weiß ich noch, Ruth-Ellen Boettcher Joeres wurde dort zum Ehrenmitglied und da war irgendwie in der Treppe gerade mal eine Stufe lose. Und wir haben die noch so am Arm gepackt, weil es da sehr knirschte. Also wirklich einmal rundum. Und das hing damit zusammen.

 

I: Neben der Auseinandersetzung mit historischen Themen hat sich die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft ja auch immer mal mit Tagespolitik (B: Ja.) beschäftigt, in den 1990ern. Auf welche Art und Weise hat die sich da eingemischt? Was ist Ihnen vielleicht besonders in Erinnerung geblieben, an Aktionen oder an irgendwelchen…?

 

B: Nein, das ist einfach eine existenzielle Frage. Ich glaube, ich habe das jetzt schon mal deutlich gemacht. Mein schöner Satz, wir können uns nicht auf denen ausruhen. Ja, das muss ich immer wieder sagen. Wir wissen alle, und ich wiederhole es trotzdem, Sätze der Otto-Peters, der Goldschmidt, all der Frauen, die auch hier Leipzig gewirkt haben, sind bis heute teilweise absolut tagesaktuell. Ja, das ist das eine. Aber immer wieder nur zu insistieren, das war damals so oder das ist aus dieser Zeit geronnen, ist eine schöne Möglichkeit. Das haben wir auch auf der Klaviatur gespielt. Aber auf der anderen Seite dürfen wir eins nicht vergessen: Die Frauen hatten teilweise ein kleines Vermögen. Das kleine Vermögen haben die geopfert, in Hinblick nämlich auf das, was sie erreichen wollten. Wo ist die Otto-Peters gestorben, im dritten Leipziger Armenbezirk, in einer der kläglichsten Gegenden. Und ich möchte nicht wissen, wie es wirklich ausgesehen hat. Natürlich, ich habe gute historische Kenntnisse. Aber wie es wirklich ausgesehen hat, dort, wo sie gestorben ist. Die haben also ihr persönliches Vermögen hineingebracht. Die haben ihre Lebenszeit hineingebracht. Die haben alles getan, dass etwas für ihre Umwelt, natürlich auch für die Zivilgesellschaft besser wird. Dass die Frauen aus diesem Dunkel herausgeholt werden. Die haben etwas für eine Geselligkeit getan. Auch das darf man ja eigentlich nie vergessen. Wir heben die manchmal so in den Witwenschleier, nur noch schwarz verkleidet. Die waren durchaus auch ganz fröhlich und, und, und. Und die haben etwas für die Stadt getan. Ich werde nicht müde, es zu betonen, und ich mache dazu auch jetzt im Mai eine Veranstaltung, nämlich lange Jahre hat auch eine feministische Forschung etwas Blödsinn betrieben, indem die die Frauen immer nur in diesem Frauenkokon verortet haben. Die Leipziger liberale Community wäre nicht so denkbar gewesen ohne dieses Jung-Team Robert Blum und Louise Otto-Peters. Ja. Er hat ihr die Vaterlands-Blätter mit geöffnet, sie hatte dadurch ihre Plattform. Er wiederum wusste, was die Frauen wollten und, und, und. Was will ich damit sagen? Es war immer ein in der Stadtgemeinschaft Stehen. Und das war etwas, wo ich wiederum sagen muss, Hut ab vor Johanna. Zwei Dinge, wo ich also direkt mit beteiligt war, ist diese berühmte Tafel an diesem Gebäude, wo seinerzeit der ADF gegründet worden ist. Was haben wir da für Tänze gehabt. Ja, und es sollte ja nichts Anderes sein, als zu zeigen, 1865 ist aus Leipzig ein Ruf nach Deutschland und in die Welt gegangen, zum ersten Mal haben sich also Frauen hier zusammengefunden, um diese Gemeinschaft zu begründen. Etwas, was der Stadt eigentlich sehr gutgetan hat. Ja, an ein öffentliches Gebäude, eine Tafel. 300.000 Dinge, die man machen musste. Und dann noch ein Universitätsgebäude. Dann war das hinten wie so eine kleine Ausstellung, aber immer noch keine Tafel vorn dran. Lange Rede, kurzer Sinn. Wie lange hat es gedauert, bis endlich diese Tafel an dem Gebäude dran ist. Und wie wichtig ist es. Der Nikolaikirchhof ist ja heute noch als ein ganz wesentliches Symbol auch eines Aufbegehrens einer Stadtbevölkerung. Und an dieser Seite ist dieses Haus, wo wir heute diese Tafel haben. Und das zweite, es ist müßig, noch darüber zu reden, ist für mich eines der größten Skandale, nämlich der Abriss des Goldschmidt-Hauses. Es ist eine Riesenmöglichkeit gewesen, was die Goldschmidt wirklich am Ende des neunzehnten Jahrhunderts erkannt hat. Also was brauchen wir? Wir brauchen Kindergarten. Wir brauchen für die berufstätige Frau die Möglichkeit, dass sie ruhig und vor allen Dingen ihr Kind sicher, nicht in irgendeiner Verwahrung sondern in einem Bildungsprozess, weiß. Und wir brauchen Räume, wo Frauen zusammenkommen können. Und ich finde, es ist eine Wunde, wie oft fahre ich auch dran vorbei; ja, es sollte ja eine große Tafel kommen. Es sollte, es sollte, es sollte eine Magistrale kommen. Gar nichts ist gekommen. Ein seelenloses neues Haus ist entstanden. Und dieser Rundbogen, ja, wem sagt das noch was? Ja, also, das sind die Dinge… Es geht aber weiter. Es geht auch weiter, und da bringe ich noch einen weiteren Namen ins Gespräch, wo ich glaube, das macht sie grandios, nämlich durch diese Stadtrundgänge: Gerlinde Kämmerer. Warum? Natürlich verweist sie darauf, wo waren hier berühmte Frauen, wo waren Frauenorte? Wo war die erste Frauenschule und, und, und. Aber gleichermaßen immer dieser Blick auch zu heute, um zu sehen, also Moment, dass ist dieses Historisierende. Jawohl, an die müssen wir einfach erinnern. Aber auf der anderen Seite, wie sieht es heute aus mit Frauenbildung, Frauenkultur? Und, und, und. Und das ist so eine nächste Säule auch einer weiteren Existenz der Gesellschaft. Wie gesagt, man muss wissen, wo man herkommt. Jetzt haben wir sie, aber was machen wir mit ihr heute? Wie können wir diese Idee in eine Zukunft transformieren, ohne, dass man billig ist oder ohne, dass man gewaltsam etwas verzerrt. Aber ein Recht der Frauen auf Erwerb können wir heute immer noch groß hinschreiben. Aber was bedeutet das heute? Eine alleinerziehende Frau ist heute etwas anderes als eine alleinerziehende Frau seinerzeit bei Louise Otto-Peters. Wir können aber auch über sie begreifen, dass die gute Louise Otto-Peters auch Fehler gemacht hat. Und vielleicht sollte man das noch mal stärker thematisieren. Inwieweit sie also allen neuen Gedanken… Wenn ich daran denke, die Emanzipierten waren für sie ja so ein Schreckmoment am Himmel. Was hat es mit unserer heutigen Frauensolidarität auf sich? Sind wir immer so geeint und fröhlich und sind wir auch immer bereit, diese Differenzen, von denen ich gesprochen habe, positiv anzunehmen? Oder nehmen wir sie doch als ein spaltendes Moment? Also, das sind so ganz, ganz viele Fragen, wo ich mir sage, jawohl, hier hat die Gesellschaft einen großen Sprung nach vorn getan und diese Öffentlichkeit ist einfach gegeben. Aber man muss sie immer wieder mit neuen, und das können nur junge Frauen und junge Männer, Inhalten erfüllen. Es ist eine Menge an Forschung da, es sind eine Menge an Erkenntnissen da. Wir haben diese wunderbaren Tagebücher, die man wirklich noch mal durchforsten sollte, im Hinblick auf solche Ideen. Und so ist auch dieser Gedanke, den Otto-Peters und ihre Mitstreiterinnen gehabt haben, nämlich hinein in eine Stadtgesellschaft, glaube ich, ein Gedanke, der bis in das neue Jahrhundert sehr gut trägt. Und dass das die Stadtgesellschaft nicht immer will, das wissen wir.

 

I: Ich muss noch mal auf die Wunde zurückkommen. Der Abriss des Henriette-Goldschmidt-Hauses war ein Rückschlag. (B: Ja.) Hat das die Gesellschaft verändert?

 

B: Nein. Und das ist es. Genau das ist es, was ich hiermit sagen wollte. Es ist eine Wunde. Es ist auch eine Lüge. Und nichts ist schlimmer. Wissen Sie, wenn ich jetzt etwas aus gutem Glauben mache und sage, jawohl, ich habe die Konzeption, ich schlage hier durch die Stadt diesen berühmten zweiten Ring. Und das war ja diese Magistrale. Und dass der zweite Ring eben nicht gekommen ist, das sehen wir heute peinlichst an all diesen Dingen, was mit Radfahrwegen und, und, und stückhaft oder stümperhaft nur betrieben wird. Also die Idee der Magistrale war nicht falsch. Ich will jetzt nicht immer nur konfrontativ sein. Diese Idee war vorhanden. Okay. Dann wusste ich, wir haben ein Stiftungshaus. Was mache ich damit? Man hätte zig Ideen haben können, zu sagen, das Haus muss in dem Moment weg. Wir haben alle die Ebertstraße vor Augen. Wie kann ich einen Ersatz schaffen? Wie kann ich jetzt alle Frauenvereine an einen Tisch bringen und sagen, wir müssen jetzt hier versuchen, auch nicht irgendwo am Rande, sondern nach Möglichkeit innenstadtnah, euch ein Ausweichquartier zu geben. Nichts ist passiert. Das Haus ist zweimal verkauft worden. Das wissen wir genau. Was da passiert ist, muss ich nicht alles rekonstruieren. Das Haus ist abgerissen worden. Und das ist etwas, was aber im Hinblick auf uns, unser Thema passiert ist. Aber leider, und das mache ich dieser Stadt auch zum Vorwurf, nämlich Gebäude abgerissen zu haben, die man nie hätte abreißen müssen: die kleine Funkenburg, Ranstädter Steinweg, das sehr schöne Gebäude oben am Felsenkeller und, und, und. Wo wir wiederum tolle Leute aus dem Westen gehabt haben, wie damals Herrn Gormsen, der mit seiner ganzen Persönlichkeit auch dagegen aufgetreten ist. Ihre konkrete Frage: der Abrissbagger kam, das seelenlose Neubau-Gebäude steht und es ist nichts passiert.

 

I: Apropos tolle Menschen. Würden Sie sagen, dass Sie über die ganze Zeit mit der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft dort Freundinnen und Freunde gefunden haben?

 

B: Das ist insoweit eigentlich eine schöne Frage. Das war jetzt weiter an die Gesellschaft gebunden, aber das war auch aus anderen Zusammenhängen. Frau Doktor Franzke, die an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main arbeitet, war mal meine Referentin im Gleichstellungsreferat. Es ist eine wunderbare Freundschaft entstanden, die wir natürlich weiter kultiviert haben in dieser Zusammenarbeit. Susanne Schötz, die ich lange, lange Jahre kenne, von der Universität Leipzig, dieses Projekt über die Thyssen-Stiftung, was ich eben angesprochen habe. Also jetzt nicht aus der Gesellschaft heraus, sondern über die Gesellschaft war noch eine stärkere Verbundenheit. Ich glaube, dass ist besser formuliert. Oder Sandra, die mir schon als Studentin ans Herz gewachsen war und natürlich, als ich gemerkt habe, wie sie hier gearbeitet hat. Es gibt durchaus auch einige… Oder Heiner und Manfred. Das ist… Aber wissen Sie, so alte, wie soll ich das formulieren, alte, gute, ehrliche Verbindungen, die man gehabt hat, wo man gemerkt hat, man kann sie in die neue Zeit einfach mit hineinnehmen und es ergeben sich wieder andere Bedingungen, ich glaube, das ist so besser formuliert. Und es gibt logischerweise auch einige, nun ja, die sehe ich nicht so besonders gern. Aber das ist menschlich.

 

I: Ich denke auch. Sie haben vorhin schon mal erwähnt, dass es hier in Leipzig eine andere Selbstverständlichkeit hatte, als Professorin auch Familie, Kinder zu haben. Wie würden Sie so das Verhältnis von Ihrer Familie auch zum Verein beschreiben? Gibt es da irgendwie…?

 

B: Also meine Familie hat mit mir gelitten. Ich kann es nur so sagen, wie es ist. Der Louise-Otto-Peters-Verein ist ja, sagen wir mal, wenn ich jetzt meinen großen Kreis meines Lebens nehme, so ein kleines Moment. Ja, es ist etwas… Ich bin gerade 70 geworden und wir haben natürlich eine große Familienfeier gehabt. Wir hatten davor und danach auch noch die Möglichkeiten, eine Menge junger Frauen… „Ja, wie bist du so geworden, wie du bist?“ Ich habe mit 21 meine Tochter bekommen, die mir eine sehr schöne Rede insoweit gehalten hatte; also was zeichnet dich aus? „Deine absolute Selbstdisziplin, deine Beherrschtheit, deines, du musst, du musst, du musst. Und du hast damit auch vieles immer wieder von Dingen, die für mich…“, so hat es meine Tochter formuliert, „…wichtig gewesen wären, einfach zurückgestellt.“ Ich glaube, auch diese Art wird es nicht mehr lange geben, eines Lebens, alles wirklich den Dingen unterzuordnen, wo man glaubt, weiter helfen zu können, unterstützen zu können, dabei sein zu können und ähnliches. An diesem Sonnabend, wo wir da zusammensaßen, hatte ich das Haus voller Gäste. Ja, und natürlich bin ich diszipliniert gekommen und habe gesagt, ich habe „Ja.“ gesagt, also, bitte schön, jetzt musst du dort sitzen. Und, und, und. Und Sie können sich vorstellen, die waren nicht alle amüsiert, als ich verschwunden bin und irgendwann wiedergekommen bin. Was will ich damit sagen, in Bezug auf Ihre Frage? Für meine Generation ist es wirklich ein Lebensmuster gewesen, auch für andere da zu sein, zu unterstützen. Dieses hochtrabende Wort, was ich aber hier gern verwende, auch Solidarität. Denn ich habe gewusst, wenn ich auch meinen Namen hingebe, dann hat das auch ein gutes Echo und ähnliches. Meine Familie hat wirklich bis zum heutigen Tag mitgespielt. Sie macht auch alles möglich. Meine Enkelkinder sind erstaunt, der Große ist 20, die Kleine 17, dass man so leben kann wie ihre Großmutter lebt. Die immer wieder voll Erstaunen fragen, du bist ja eigentlich nun mal Rentnerin. Das bin ich eigentlich nicht. Also sie haben alles immer mitgemacht. Sie haben immer gewusst, was ich mache, manchmal mit Erstaunen, manchmal auch mit sehr viel, sagen wir mal, Beteiligung, weil sie wissen wollten, wer ist das überhaupt? Was ich natürlich zu Hause erklärt habe und gesagt habe, guckt mal, und das und das und das. Also, das war immer und immer dabei. Und ich finde, das ist auch schön, wenn eine Familie wirklich dahintersteht. Ob ich das mit dieser fast inneren Brutalität alles noch mal so genau machen würde, ich weiß es nicht. Es ist auch einfach Lebenszeit vergangen, wo ich gemerkt habe, es ist etwas, wo ich dann auch Verluste hatte, wo ich nicht dabei war und, und, und. Aber sie wussten Bescheid.

 

I: Ich hätte noch eine letzte inhaltliche Frage bevor wir zum Ende kommen: Hat das Zusammenwirken mit der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft einen Einfluss auf Ihre wissenschaftliche Forschung gehabt? (B: Ja.) Und wenn ja, in welcher Form?

 

B: Das kann ich ganz schnell beantworten. Ich habe jahrelang, bis wir die Modularisierung des Studiums vorgenommen haben, eine große Vorlesungsreihe über drei Semester gehabt, und zwar „Frauen- und Geschlechterverhältnisse vom Beginn an“, wo ich mir so ältere Literatur angeschaut habe. Aber das nur bruchstückhaft. Also vor allen Dingen Hildegard von Bingen und die anderen Minne-Mystikerinnen bis zur Gegenwart. Und da habe ich diesen Bereich um die Revolution von 1848 und auch zwischen den Vierzigerjahren und der Jahrhundertwende immer mehr und mehr ausgebaut. Und das war für mich ein absoluter Gewinn. Und ich habe heute noch eine Promotion einer sehr begabten Promovendin laufen, die sich mal beschäftigt mit Autorinnen, die gleichermaßen auch Journalistinnen gewesen sind. Jetzt muss man mit dem Begriff des Journalismus im neunzehnten Jahrhundert sehr differenziert umgehen. Aber man kann ihn durchaus verwenden. Und da spielt Louise Otto-Peters mit eine Rolle. Also, ja, das kann ich uneingeschränkt sagen.

 

I: Gibt es zum Abschluss nach etwas, was noch nicht zur Sprache gekommen ist, aber was Ihnen noch wichtig wäre, zu erzählen?

 

B: Also, was mir wichtig ist, ist, dass in dieser Zeit, wo ich natürlich die Gesellschaft auch begleitet habe, wo ich an der Uni gearbeitet habe, immer wieder eines deutlich war: Es hat untereinander unterschiedliche, aber es hat gute Netzwerke gegeben. Es hat ein Vertrauen gegeben, was ich persönlich sehr wichtig finde. Es gibt immer wieder einen Begriff, wo ich vorsichtig bin, aber den ich vielleicht doch nochmal thematisiere, das ist der Begriff des Vorbildes. Und hier hat die Gesellschaft über Johanna, das muss ich wirklich sagen, hier hat die Gesellschaft über Evelin Irmscher im Regierungspräsidium wirklich solche Vorbilder gehabt. Und wenn wir heute immer wieder pluraler werden und sagen, ja das und das und das ist alles möglich, sollte dieser Gedanke eines Vorbildes vielleicht durchaus immer mal wieder eine Rolle spielen. Denn ohne solche, würden wir eigentlich nicht hier sitzen und würden sagen, hier ist etwas begründet worden, was eine Basis hat und was weitergeführt werden kann.

 

I: Danke schön.

 

Ende