Interview mit Prof. Dr. Godula Kosack

geführt für die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V. von Kathrin Will am 4. April 2023 in Leipzig

Nach dem Transkript überarbeitete und redigierte Fassung von  Laura Peter und Kathrin Will.

Rechte vorbehalten.

 

I: Wir führen ein Interview. Ich bin Kathrin Will, die Interviewerin, und wir sprechen mit Frau Professorin Godula Kosack. Am 4. April vormittags. In Leipzig. Als Einstieg und so zum Hintergrund: erzählen Sie uns doch mal bitte, was Sie für einen Bezug zu Leipzig haben.

 

B: Ich hatte im Jahre, ja, wann war das, 1992 eine familiäre Krise. Und habe mich nach einem neuen Wohnort umgeguckt, weil ich nach mehreren Jahren Suche nach einer städtischen Wohnung in Frankfurt am Main für die Familie nichts gefunden hatte. Und damals war hier Aufbruch Ost. Und da dachte ich, dann versuche ich es im Osten. Ich hatte Freunde hier in Leipzig, die kannte ich aus Kinderheim-Zeiten. Ich war als Kind hier in der DDR in einem Kinderheim gewesen. Und die haben mir bei der Wohnungssuche geholfen. Und da hat sich irgendwie alles ganz schnell ergeben. Und Leipzig war für mich auch, und das war auch immer schon ein Beweggrund, die Stadt zu suchen, die Wiege der deutschen Frauenbewegung. Ich war vorher an der Fachhochschule Frankfurt, Fachbereich Sozialarbeit, Professorin für eigentlich Soziologie. Beziehungsweise wir hatten das Fach Individuum und Gesellschaft, also so ein Disziplinen übergreifendes Fach, und das habe ich da unterrichtet und habe da auch die Gelegenheit wahrgenommen, über die Frauenbewegung zu lehren. Und da war mir Louise Otto-Peters eine wichtige Persönlichkeit und sie ist ja nun ganz besonders mit Leipzig verbunden.

 

I: Und wie kam das dann, dass Sie die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft gegründet haben oder mitgegründet haben?

 

B: Als ich neu nach Leipzig kam, das war die Jahreswende 1992/1993, hatte Ich eigentlich noch nicht vor, mich besonders zu engagieren. Ich hatte vorher in Westdeutschland einen Verein gegründet, mitgegründet, der hieß Frauenverein Louise Otto-Peters und der war bundesweit. Der war zustande gekommen bei Dagmar von Garniers „Fest der tausend Frauen“ in der Frankfurter Oper. Da waren tausend Frauen repräsentiert beziehungsweise die Ausgesuchten waren so 320 oder so, die zur Debatte stehen. Und ich hatte mir da die Louise Otto-Peters rausgesucht, weil sie mir sehr sympathisch, sehr nahestand. Und diesen Verein, als ich dann das hessische Terrain verlassen wollte, habe ich gerade dann abgewickelt. Wir hatten ein paar Jahre, vier Jahre, bestanden und Frauenbriefe rausgebracht. Und wir hatten uns dann auch gesehen. Und irgendwann war der nicht mehr so aktiv. Und dann habe ich diesen Verein aufgelöst und kam dann nach Leipzig, bin in eine Vorlesung gegangen von der Literaturwissenschaftlerin Christel Hartinger. Und während ich dasaß, flatterte da so ein kleiner Zettel auf dem Tisch. Der Inhalt stand da auf dem Flyer zum 30-jährigen Jubiläum: „Wer sich für die Gründung einer Louise-Otto-Peters-Gesellschaft interessiert, kann hinterher mehr darüber erfahren.“ Und da sind bei mir sämtliche Glocken angegangen. Und da habe ich also gewartet, dass der Vortrag vorbei war. Und dann war da noch Johanna Ludwig und hat zu einer Gründung dieses Vereins eingeladen. Und deshalb war ich von vornherein bei dem Verein, bei der Vereinsgründung dabei.

 

I: Schön. Und können Sie uns beschreiben, welche Themen die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft in den 1990ern bearbeitet hat und was für Sie daran besonders interessant war?

 

B: Es ging ja darum, überhaupt ihr Leben und ihr Werk zu erforschen. Es wurden ihre Schriften gesammelt, damals noch in Kopien. Also ihre Romane: Ich hatte vorher keinen einzigen Roman von ihr gelesen. Das war „Ludwig der Kellner“, der war ganz neu für mich. Dann ja, „Die Geschwister“. Und ich habe jetzt gar nicht nachgeguckt, ich habe noch einige Romane von ihr, die ich mir dann auch in Kopien besorgt habe. Und ja, das habe ich mit Interesse und auch mit der nötigen Kritik gelesen. Und ein Roman hat mir besonders nahegestanden. Das war der Roman „Nürnberg“. Da geht es um den Sohn einer als Hexe verrufenen Frau, der also da irgendwie in dem Bauhaus aktiv werden will. Das ist so dieser historische Roman, in dem die Zeit der Hexenverfolgung ein Stück weit aufgearbeitet wird, aus der Sicht des 19. Jahrhunderts heraus. Es gab auch andere Schriften von Louise Otto-Peters über die Hexenverfolgung und über Frauen aus jener Zeit. Und für mich war das so: Einerseits hat sie das thematisiert, andererseits habe ich auch einen anderen Zugang dazu gehabt. Also meine Quintessenz war, ein historischer Roman stellt eigentlich immer mehr die Sichtweise der Schriftstellerinnen dar, als dass er Aussagen über diese Historie macht. Und ja, damals kamen etliche Publikationen raus zu dieser Ausstellung. Ich weiß gar nicht, in welchem Jahr die war? Die „Louise Otto-Peters als Journalistin“, glaube ich, so in diese Richtung ging das. Da habe ich einen Beitrag geschrieben. Und dann hatte ich für das eine Jahrbuch auch über den Roman „Nürnberg“ und die Rezeption der Louise Otto über die Hexenverfolgung geschrieben, weil das für mich auch immer ein wichtiges Thema war. Auch in Frankfurt schon. Da habe ich über diese Thematik auch mehrfach Seminare abgehalten.

 

I: Und die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft hat ja im Prinzip auf diesem historischen Feld Grundlagenforschung geleistet. Wie würden Sie das Verhältnis beschreiben zwischen dieser außeruniversitären Forschung und der akademischen, also der universitären?

 

B: Naja, die Johanna Ludwig hat natürlich auch den Kontakt zur Uni Leipzig gesucht. Das hat ja schon die Tatsache gezeigt, dass sie da in der Universität, in diesem Vorraum, diese erste Ausstellung organisiert hatte. Und dann gab es ja auch diese Louise-Otto-Peters-Tage, die meistens im Budde-Haus stattfanden, also sozusagen angebunden an die Zivilgesellschaft. Aber einer war, glaube ich, auch mal über Olympe de Gouges an der Universität. Also das hat sich ergänzt, würde ich sagen. Die Universität hat ihre Vorgaben und hat ihre – je nachdem, wer da gerade an welcher Schaltstelle sitzt – Themen. Aber die außeruniversitäre Forschung ist völlig frei. Da kann man sich aussuchen, was man interessant findet. Und das ist für mich auch immer eigentlich meine Lebensmaxime gewesen: Ich will nicht am Bleistift kauen und fragen, was passt denn jetzt zu diesem vorgegebenen Thema? Ich möchte frei sein in meiner Forschung. Und das habe ich auch als Ethnologin so gehandhabt.

 

 

I: Mit welchen Leipziger Initiativen hat die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft sonst so zusammengearbeitet? Und wie hat das so funktioniert?

 

B: Ja, wir haben ja dieses Thema des Henriette-Goldschmidt-Hauses. Und da waren da einige Vereine, Initiativen, mit denen wir da zusammengearbeitet haben. Das erinnern manche vielleicht noch besser als ich. Da war dieser Bachstraßenviertel-Verein. Dann war da die Frauenkultur involviert. Dann auch MONAliesA, die Frauenbibliothek. Mit denen haben wir immer Kontakt gehalten und uns zusammengetan. Da waren noch andere. Aber das ist mir jetzt nicht gerade im Kopf.

 

I: Wenn wir schon beim Henriette-Goldschmidt-Haus sind, denn das passt ganz gut: Wie haben Sie den Kampf um das Haus erlebt?

 

B: Der Kampf ging ja praktisch gegen die Stadt. Erstmal gegen den eigentlich illegalen Verkauf dieses Hauses, der ja eigentlich der Stiftung den Frauen zugesagt war. Und das hat uns empört. Das hat uns empört. Dann noch die Art der Abwicklung, dass da eine einfache Angestellte war und: war das überhaupt irgendwie öffentlich publik, dass das zu verkaufen ist? Wer konnte da überhaupt als Käuferin sich interessieren? Das war für uns völlig undurchsichtig, wie das gelaufen war. Und dann haben wir ja da uns dafür eingesetzt, dass es rückgängig gemacht wird. Der Baudezernent sagte damals: „Verkauft ist verkauft.“ Und ja, der Bürgermeister, der hat sich auch, Herr Tiefensee war das, richtig, richtig, richtig gegen die Frauen gestellt. Ich erinnere mich noch, dass er mich persönlich attackiert hatte. Wir standen da oben in der Wandelhalle im ersten Stock vom Neuen Rathaus, hatten da eben diese ganze Geschichte aufgerollt, Bilder gehängt und und Flugblätter. Ich wollte ihm eins in die Hand drücken. Und dann sagte er: „Ihr Frauen wollt ja nur nicht die drei Ks: Kinder, Kirche, Küche.“ Und ich gucke den nur so an und sage: „Ich welcher Zeit lebst du denn?“ Und da ist er auch schon vorbeigehuscht. Ja, das war vor der Ratssitzung, wo dann auch das Urteil gefällt wurde. Ich fand ihn persönlich auch wirklich, wirklich auf eine sehr negative Weise engagiert. Sein Frauenbild. Ja, ich kann mich erinnern, das war mal, ehe er Bürgermeister wurde, da haben die Kandidaten aller Parteien sich den Frauen zur Diskussion gestellt, und ich bin dann auch hingegangen. Und wir waren, die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft war auch immer bei solchen Sachen präsent. Und da wurde er gefragt, was er denn für die Frauen tut? Und dann sagte er, er holt auch mal seine Kinder vom Kindergarten ab. Mehr brauchte ich dazu nicht zu hören.

 

I: Wir haben die Fotos angeguckt, von den Festen am Henriette-Goldschmidt-Haus. Und auch die Programme. Und uns ist aufgefallen, dass die Aktionen immer irgendwie rund um Kinder gestaltet wurden. Können Sie uns verraten, warum das gemacht wurde?

 

B: Also dieser Kampf um das Henriette-Goldschmidt-Haus war ja eingebunden in die Historie der Henriette Goldschmidt, die den ersten Kindergarten, den ersten Spielplatz initiiert hatte. Und insofern wollten wir damit ausdrücken: Die Stadt hat eine Tradition, der erste deutsche Kindergarten war in Leipzig! Die Kinder sind die Zukunft. Die Kinderversorgung, die Kinderbetreuung obliegt den Frauen und der Kindergarten bedeutet, dass Frauen also auch den Rücken frei haben, sich selbst ein Stück weit zu verwirklichen. Da darf es nicht stehenbleiben, das war uns klar. Aber die Kindergärtnerinnen-Ausbildung war sozusagen der Einstieg in die Frauenberufe, um auch einfach den Fokus auf die Frauen zu richten. Was ist den Frauen in dieser Gesellschaft möglich und wie bringen wir den Weg voran, dass die Frauen ein selbstbestimmtes Leben führen können?

 

I: Das Henriette-Goldschmidt-Haus ist dann abgerissen worden. Könnten Sie uns einen Einblick darin geben, wie Sie das erlebt haben? Und vielleicht, ob das die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft verändert hat?

 

B: Ach, zum Letzteren würde ich sagen: Nein. Das war ein harter Schlag, aber das war ja nicht das einzige, wofür wir gekämpft haben. Und es waren ja andere Sachen, wo die Luise-Otto-Peters-Gesellschaft immer mehr Gehör und Aufmerksamkeit, auch bundesweit, deutschlandweit, fand. Oder auch über Deutschlands Grenzen hinaus. Aber wie ich es erlebt habe? Ich weiß, dass Johanna Ludwig hingegangen ist und da dies gesehen hat, wie da die… Wie heißen diese dicken Dinger, die da gegen die Wände geschlagen werden? Das hat sie sich angetan. Hätte ich nie. (I: Abrissbirnen?) Abrissbirnen, genau. Und ich war zu der Zeit auf einer Forschungsreise in Kamerun und war froh, dass ich nicht dabei war, denn ich wäre vielleicht um die Frauen, die da trauernd hingegangen sind, zu unterstützen, hingegangen. Aber ich wollte mir das nicht zumuten. Ich fand das so einen Schlag gegen die Frauenbewegung. Und das hat einfach richtig physisch oder vor allem psychisch weh getan.

 

I: Sie haben gerade gesagt, dass die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft bundesweit Kontakte hatte. Und wir sind – mal ein ganz anderes Thema – darüber gestolpert, dass es auch Kontakte nach Japan gab. Und in die USA. Können Sie uns erzählen, wie das zustande kam?

 

B: Also USA, da war ja die Boetcher Joeres, die dieses Buch geschrieben hat: „Louise Otto-Peters“. Das übrigens für mich damals auch das Buch war, das ich zur Hand genommen habe, um einen Einstieg in das Leben und Werk von Louise Otto-Peters zu bekommen und das ich dann auch an der Fachhochschule den Studentinnen, Studierenden, empfohlen habe, zu lesen. Weil das so ein richtiges Kompendium auch von Themenbereichen ist, das Leben und das Werk, die verschiedenen Aspekte, die immer wieder im Fokus von Louise Otto-Peters standen. Sie war auch ein paar Mal da, das weiß ich. Aber Japan, wie das zustande kam, weiß ich nicht.

 

I: Danke. Mal etwas mehr auf das Innenleben des Vereins. Der Verein ist von Ost- und West-Frauen gegründet worden. Können Sie uns das Verhältnis beschreiben, zwischen- und untereinander? War das überhaupt ein Thema?

 

B: Oh ja. Damals war Ost-West ein Riesenthema. Das war die Zeit, Anfang der 90er-Jahre, Anfang 1993 wurde es gegründet, wo deutlich wurde, was der Anschluss an die Bundesrepublik jetzt für die Frauen bedeutete. Ja, es war ja so, dass die Fabriken hier reihenweise geschlossen worden, so nach dem Motto: „Der Letzte macht das Licht aus.“ Und dass die Frauen, die vorher also wirklich einen sehr harten Alltag hatten, erst mal aufgeatmet haben, nicht morgens um fünf raus und um sechs die Kinder irgendwo abgeben müssen. Und dann eben so einen langen Arbeitstag. Und das war erst mal so: Ich kann erstmal aufatmen und durchatmen. Und in der Zeit wurde aber deutlich: das war's für die Frauen. Da gab es dann keine weitere Beschäftigung mehr. Die waren jetzt auf einmal genauso, ich sage es mal, entrechtet wie die West-Frauen in ihrer Arbeitslosigkeit. Und das wollten die auf keinen Fall. Das hatten sie nie gewünscht. Ich weiß nicht, in welchem Jahr der Biedenkopf, der Landesfürst - wie er ja genannt wurde, treffend oder unzutreffend - war? Der hat mal gesagt: „Die hohe Arbeitslosigkeit im Osten liegt nur daran, weil die Frauen arbeiten wollen.“ (lacht leise) Ja. Das war so eine Zeit, wo wirklich so ein Rückschlag der Frauenbewegung vor allem im Osten war. Die Gesetzgebung. Es wurde auch nichts Progressives, Positives vom Osten übernommen, beispielsweise der Paragraf 218. Es wurde den Frauen plötzlich wieder auf gut Deutsch jeglicher Schwangerschaftsabbruch verboten und nur unter bestimmten Voraussetzungen geduldet. Also das waren schon herbe Rückschläge für die Frauen. Und gerade auch auf der akademischen Ebene kamen dann Westfrauen zum Zug. Die Ostfrauen, die blieben, das waren Wendehälse. Also ich weiß da von der Gleichstellungsbeauftragten der Universität Leipzig, dass die sich ganz schnell auch ein Ratschlag eingeholt hat, sich darauf zu melden, neu zu bewerben. Und dass sie dann dadurch unkündbar war. Und die war vorher nicht gerade gesellschaftskritisch. Aber hinterher waren alle, die blieben, Opfer gewesen. Sie haben sich zum Opfer des DDR-Regimes gemacht. Und alle, die irgendwie ein bisschen kritisches Bewusstsein hatten und nicht so opportunistisch, die haben ihre Jobs verloren. Und West-Menschen, will ich mal sagen, nicht nur Frauen, kamen und nahmen diese Plätze ein. Ja, da war so die zweite Garde aus dem Westen, die sich dann da sozusagen in das Vakuum einwählen konnten. Und ich habe aus persönlicher Erfahrung auch mitbekommen, dass Ost-Bewerber diskriminiert worden. In einem Fall auf Platz drei der Bewerbungsliste der vormals eigenen Stelle. Und die ersten beiden Wessis, so wurden die ja genannt, hatten dann doch was Besseres vor. Und dann wurde ganz schnell die Stelle gestrichen. Es wurden richtig auch Intrigen geführt. Und das war schon ein gespanntes Verhältnis. Aber die wenigen West-Frauen, die bei der Gründung der Gesellschaft dabei waren, die waren natürlich voll auf derselben Wellenlänge wie die Gründerinnen insgesamt von der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft. Ein Kompliment, das mir, wenn da über die Wessis geschimpft wurde, dann gemacht worden ist: „Aber du bist keine Wessi.“ Ich habe dann für mich einen eigenen Begriff gefunden. Ich war eine O-Wossi, weil ich erst im Osten aufgewachsen bin, bis zum Alter von zwölf Jahren, und dann im Westen weiter sozialisiert und dann eben wieder in den Osten gegangen bin. Zwar war ich vorher nicht in Leipzig gewesen, aber ich war sozusagen eine Rückkehrerin. Und deshalb war ich eine O-Wossi. Ja, für mich hat das jetzt keine Rolle gespielt, wer aus dem Osten und wer aus dem Westen kam. Aber ich habe wohl festgestellt, dass die Kommunikation der Frauen untereinander auch in der… Ich war ja auch im Westen in der Frauenbewegung gewesen. Die empfand ich als sehr viel konkurrenzbehafteter. Die Frauen haben sehr viel mehr sich in den Vordergrund gesetzt. (I: Wo jetzt?) Im Westen. Im Osten, also ich kam dahin. Ich war die Mitbegründerin der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft. Es war ein gegenseitiges Zuhören. Es war ein aufeinander zu diskutieren, so wie wir es uns wünschen, in der Frauenbewegung und Frauen untereinander oder Menschen untereinander. Aber im Westen, da war so der Stil: „Ja, aber...“ Jeder Beitrag fing praktisch an mit: „Ja, aber…“ Es wurde nicht gesagt „Ja.“ und dann ergänzt. Und das war mir aufgefallen, dass das da viel, viel angenehmer war.

 

I: Würden Sie sagen, dass Sie im Miteinander Freundinnen geworden sind? Oder gefunden haben?

 

B: Also mit Johanna Ludwig war ich schon auch befreundet. Wir haben uns gegenseitig zu Hause besucht. Und sie war schon mal in meinen Häuschen, was ich da im Westen habe, auch zu Besuch, als ich bei einem größeren Fest eingeladen hatte. Und zu den anderen hatte ich ein sehr solidarisches Verhältnis, also sehr zugewandt, zu den ersten Frauen aus der Zeit. Es ist immer eine Frage, was man Freundschaft nennt. Es waren jetzt nicht so die persönlich nächsten Vertrauten. Aber es war wichtig, mit denen zu korrespondieren, zu kommunizieren, über eben die Fragen, die uns bewegten.

 

I: In den Neunzigern war ja eine der Maßnahmen, diese ABM-Maßnahmen. Können Sie uns erzählen, warum das so wichtig war für die Gesellschaft, diese ABM-Stellen zu haben?

 

B: Ja, klar. Das war ja nicht nur die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft. Es betraf praktisch alle Vereine in der Zeit. Die hatten ja so gut wie überhaupt kein Geld, aber viele Ideen und viel Stoff zu bearbeiten. Und da war es gut, wenn man da jemanden über so eine ABM-Maßnahme anstellen konnte, so eine geschäftsführende Persönlichkeit. Ja, das war einfach eine Überlebensmöglichkeit, dass der Verein auch mehr schaffen konnte. Und ich weiß, dass zum Beispiel auch die größte deutsche Frauenrechtsorganisation, Terre des Femmes, für die ich auch Vorstandsvorsitzende geworden bin, auch mit ABM angefangen hat. Und jetzt haben wir da eine Geschäftsstelle von über 30 Mitarbeiterinnen. Ja, also das war schon ein wichtiger Einstieg. Die hatten auch dann immer ein bisschen die Möglichkeiten, etwas für Ausrüstung auszugeben, für Büromaterial, Miete und so. Das wurde dann davon gedeckt. Und das war einfach ein wichtiger Einstieg und schade, als das aufhörte. Es hätte dann mit einer permanenten Förderung weitergehen müssen. Das ist das, was dann daraus wurde, so Projektförderung, immer ein Jahr aufs andere, dann sich da neu bewerben müssen. Was da für wichtige Lebenszeit von Frauen reingesteckt wurde, mich eingeschlossen. Ich habe das also auch für andere, für die Deutsch-Afrikanische Gesellschaft zum Beispiel, so Projekte mit beantragt. Diese Projekt-Beantragung ist so penibel und so undankbar. Und dann sitzen da welche und die sagen: „Das wollen wir genauer wissen.“ Oder: „Warum ist es so oder so?“ Die stellen Fragen aus einer Unwissenheit heraus, aus der Unkenntnis der Gesamtsituation, die machen einen wütend. Aber wir müssen natürlich, wenn wir einen Antrag stellen, immer freundlich grinsen und sagen: „Ja, aber gerne gebe ich weitere Auskunft.“ Also, das ist schon auch ein Stück weit demütigend. Bei den ABMs war das ein Stückchen weit mehr Freiheit.

 

I: Gab es damals einen Unterschied zwischen denen, die ehrenamtlich tätig waren für den Verein und denen, die als ABM tätig waren? Hat man das irgendwie gemerkt?

 

B: Ach, Gottchen. Nein. Ich meine, wir haben die Themen und die Ziele, was gemacht werden sollte, gemeinsam diskutiert und debattiert. Und ausgeführt haben dann die Grundarbeit die ABMs. Aber das war ja dann klar. Die waren ja dafür auch angestellt. Nein, da habe ich keine Spannungen oder so oder auch kein Herrschaftsverhältnis gespürt. Auch nicht so: „Das machst du jetzt, du bist hier unsere ABM-Kraft!“ (klopft auf den Tisch) Gar nicht.

 

I: Ganz anderes Thema: Heutzutage geht es viel, zumindest in unserem Umfeld, auch um die Pflege der eigenen Elterngeneration. War das damals ein Thema bei Ihnen, so als zusätzliche Sorgearbeiten neben allem, was man noch so hatte?

 

B: Also das Thema Sorgearbeit in dem Sinne als eine zu hinterfragende Grundtätigkeit der Frauen stand damals noch nicht zur Debatte. Das ist erst wirklich auch mit diesen Thesen aufgekommen, von der Maria Mies und der Silvia Federici. Ich fand das damals noch sehr dubios, zu sagen: „Geld für Hausarbeit“ Und hatte so den Hintergrund noch gar nicht begriffen, warum und wie. Also nein, das Thema kam später auf.

 

I: Sie sind Wissenschaftlerin. Hatte die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft und das engagiert Sein dafür einen Einfluss auf Ihre wissenschaftliche Tätigkeit? Und wenn ja, welchen?

 

B: Also es hat meine wissenschaftliche Tätigkeit ergänzt. Ich meine, ich habe immer auch verfolgt, was da Neues gefunden wurde in Bezug auf diese erste deutsche Frauenbewegung. Aber das blieb nicht so mein Thema. Ich war in meinem ersten Leben Soziologin gewesen und als Soziologin an der Fachhochschule Frankfurt angestellt und ich habe dann praktisch mir die Ethnologie erschlossen durch Feldforschung und habe dann auch nur noch ausschließlich ethnografische Publikationen veröffentlicht. Und meine Forschungstätigkeit konzentrierte sich auf diese eine afrikanische, sehr traditionelle, sehr patriarchale Gesellschaft. Und da habe ich also das in einen größeren gesamtgesellschaftlichen Rahmen gestellt, aber immer auch sehr speziell. Da ging es um die Frage, was ist allgemein menschlich und was ist kulturspezifisch? Das bezog sich natürlich auch auf die Situation der Frauen. Das war immer mein Fokus, auch in Kamerun bei den Mafa. Ich habe also in der Hauptsache Frauen interviewt und Frauen-Lebensgeschichten aufgenommen. Ich habe Frauen, die Märchenerzählerinnen waren, ihren Märchenschatz preisgeben lassen, auf Kassetten aufgenommen und dann hinterher Verständnisfragen dazu gestellt. Das war sozusagen mein wichtigstes Forschungsinstrument, dass ich aus dem Verstehen dieser Geschichten heraus, also aus der Deutung der Geschichten oder aus meinen Fragen an die Geschichten, sozusagen auch den Frauen ihr Weltverständnis entnehmen konnte. Und das war ein neuer methodischer Ansatz. Ich bin da mit dem Fragebogen hingegangen: „Wie alt bist du, wie oft verheiratet, wie viele Kinder und wieviel gestorben?“ Aber da habe ich sehr schnell gemerkt, solche Fragen sind absurd, die in so einer Gesellschaft zu stellen. „Wie alt bist du?“ Damit fing es an, dass ich merkte, die eine Frau sagte „40“ und ihr jüngster Sohn war schon Großvater. Also das konnte nicht ganz hinkommen. (lacht kurz) Und das war denen überhaupt kein Begriff. Oder die hatten ja gar keine Bevölkerungsstatistiker, keine amtliche Registrierung der Geburten. Die Kinder, die in die Schule kommen, also die, die für die Schule angemeldet wurden, da wurde das Alter geschätzt und dann kriegten die häufig den zweiten Januar als Geburtstag zugewiesen. Und wenn Afrikaner oder Afrikanerinnen als Geburtsdatum den zweiten Januar angeben, dann ist das in der Regel ein geschätzter Tag. Und dann auch andere Fragen. Bis ich dann so bemerkte, ich muss ganz anders an die Interviews rangehen, mit Fragen, was dürfen Frauen, was Männer nicht dürfen? Oder was denken Männer über Frauen? Und dann sind wir uns so dem Thema nähergekommen. Und dann konnte ich fragen: „Und wie war das in deinem Leben? Was hast du…?“ Auch über die Geschichten, also ein Drittel der Geschichten sind das, was wir Fabeln nennen würden, wo Tiere miteinander interagieren. … Der Dumme ist da der Schwimmkäfer und der Gewiefte, das was unserem Fuchs entspricht, ist das Ziesel-Hörnchen. Und dann konnte ich fragen: „Gibt es bei euch in der Umgebung auch ein Ziesel-Hörnchen?“ Und dann wird erzählt, wer sich wie verhält. Und auf diese Weise bin ich da sehr nah an die Alltagsprobleme, Alltagsgeschichten der Leute herangekommen. Aber immer, wie gesagt, war meine wissenschaftliche Fragestellung immer frauenzentriert. Ich war ja mit Familie dort und das war auch ein schöner Einstieg in die Feldforschung, denn ich musste mich nicht rechtfertigen, warum bist du hier? Eine Frau mit Kindern ist, weil sie eine Frau mit Kindern ist. Das wurde überhaupt nicht hinterfragt, was ich da eigentlich suche. Und wenn ich dann zu Gesprächen in die Berge gegangen bin und so, da haben sich die Leute gefreut, dass ich sie besuche. Und dann habe ich mich mit denen unterhalten. Ich hatte immer eine Assistentin dabei, die gedolmetscht hat. Und insofern, der Gewährsmann, auf dessen Territorium wir also praktisch geduldet oder auch willkommen waren, der sagte dann mal: „Du siehst nur die Seite der Frauen. Du musst auch mal die Männer angucken.“ Da dachte ich, oh Gott, hoffentlich kommt das jetzt nicht dazu, dass die Männer sagen, die wollen wir nicht. Nie. Die Männer haben mich auch immer sehr höflich behandelt und immer den besten Stuhl angeboten, also nicht den bequemsten, aber den besten. (beide lachen) Bequemer als die Stühle, die sie dort haben, waren die Steine, die normal zum Sitzen da waren. Ja, und wenn ein Mann dabei war, ist das Gespräch natürlich völlig anders verlaufen, als wenn ich mit den Frauen alleine war. Und das war klar. Das wurde immer vermerkt bei den Interviews.

 

I: Okay. Würden Sie sagen, dass Ihr Engagement für die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft, Ihr Verhältnis zu frauenpolitischen Fragen insgesamt verändert hat?

 

B: -- Also sich mit der Geschichte der Frauenbewegung zu befassen, heißt ja so etwas, wie sich mit den Ahninnen zu beschäftigen. Ja, und das war für mich natürlich auch der Reiz der Arbeit mit und in der Louise-Otto-Peters Gesellschaft. Ja, dass wir der Frage nachgingen, was war damals Thema? Was hat damals die Frauen bewegt? Und was haben sie erreicht? Wie haben sie es erreicht? Und was blieb noch offen? Oder, welche Fragen sind überhaupt erst später aufgekommen? Und insofern war diese Beschäftigung mit der Geschichte so etwas wie eine Grundlage, sich auch mit den Positionen der Frauen in der Gesellschaft zu beschäftigen und dann eben auch die Fragen an die gegenwärtige Frauenbewegung zu stellen. Ja, insofern würde ich schon sagen, dass das wichtig ist. Deshalb habe ich ja auch damals, als ich noch in Frankfurt unterrichtet habe und das waren eigentlich angehende Sozialarbeiterinnen… Aber für mich war das wichtig, dass die was über die Geschichte der Frauenbewegung wissen, damit sie wissen… Es waren ja nicht nur Frauen in meinen Seminaren, aber in der Mehrzahl. Und die Männer, die dort waren, waren auch, sagen wir mal, nicht die ganz gesellschaftstypischen Männer. Das waren die, die Social Care schon auch auf ihre Banner geschrieben hatten. Und die waren entsprechend da auch daran interessiert. Die eigenen Wurzeln zu verstehen und in dem Fall eben die Wurzeln der Frauenbewegung, das ist einfach eine wichtige Sache und bleibt wichtig und prägt die gesamte Sichtweise auf die Welt.

 

I: Ich muss mal gucken, ob ich noch eine Frage habe? Ach ja, wenn Sie möchten, können Sie uns doch noch mal vom Frauenstreik erzählen, am 8. März 1994, so zum Abschluss. Was erinnern Sie noch von dem Tag?

 

B: Also ich fand es gut, dass sich Frauen da auf dem Markt getroffen haben und dass da auch ein bisschen Tamtam drumherum war. Und das hat immer auch Freude gemacht, so Aktionen. Aber Frauenstreik, ich will mal so sagen, da habe ich immer noch so ein bisschen Fragezeichen dahinter. Wenn die Frauen in dieser Carearbeit hauptsächlich tätig sind, und in dem Fall konnten die sich ja gar nicht so freinehmen, wie zum Beispiel die Krankenschwestern. Es war eigentlich so in dem Sinne nicht ein Streik, wie „Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will“, sondern das war mehr so ein hin weisen auf „Überlegt mal, was passieren würde, wenn…“. (lacht kurz) Ich finde auch den 8. März als Frauentag völlig widersinnig, einen Tag im Jahr als Frauentag zu erklären. Und Vati führt Mutti und die Kinder aus ins Restaurant, damit Mutti nicht kochen muss. Also da sträuben sich bei mir alle Haare, ja. Das ist nicht das, was nötig, was fällig ist und was Anerkennung bringt, sondern das ist eher eine stabilisierende Funktion. Und insofern habe ich diesen Frauentag auch immer kritisch begleitet.

 

I: Gibt es noch irgendetwas, was ich nicht gefragt habe, was Ihnen wichtig ist, was Sie uns auf jeden Fall erzählen möchten?

 

B: Naja, was ich über die Tätigkeiten oder die Aktivitäten der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft auch immer sehr wichtig fand, war, es gab ja damals zu Louise Otto-Peters Zeiten die sogenannten Abendgesellschaften. Wo da ein bestimmtes Thema zur Debatte gestellt wurde, mit einem Vortrag, Diskussion und Debatte und hinterher geselliges Beisammensein. Und das wurde ja von der Gesellschaft auch ein Stück weit eingeführt. Und das fand ich auch immer sehr schön. Auch die Kulturabende waren immer ganz besonders. Hermann Wolf, der ein paar Lieder von Louise Otto-Peters vertont hat. Und wenn die zur Aufführung kamen, das war immer auch ja sehr mitreißend und schön. Und dann die Louise-Otto-Peters-Spaziergänge, die von dem Schillerhaus, weil Louise ja eine Schiller-Verehrerin war, dann durchs Rosental bis zu dem Denkmal gingen, welches Louise Otto-Peters gewidmet ist. Diese Spaziergänge, die waren auch so gesellig. Und das war ein Aspekt der Gesellschaft, der mir auch besonders gefallen hat. Dass es nicht bei wir müssen hier ernsthaft arbeiten blieb, sondern wir wollen auch fröhlich miteinander sein. Und das waren wir sehr häufig. Dann gab es die Ausflüge nach Oederan oder nach Meißen oder wo es auch immer hinging, immer in gewissem Bezug auf die Louise Otto-Peters. Und die waren auch sehr gut vorbereitet, sehr fundiert in den Erläuterungen, was das zu jener Zeit, also zum Beispiel in Oederan, die ganzen Klöpplerinnen und die Frühindustrialisierung, für Auswirkungen hatte und wie das von den Frauen da auch damals rezipiert wurde und in ihre Gedanken einfloss. Und ja, das war ergänzend sehr wichtig für die rein historische Forschung. Und das ist vielleicht auch das, was noch ergänzend zu sagen ist, dass an der Universität so etwas dann natürlich nicht in der Form stattfindet. Die Vereinsmitglieder haben sich da schon auch als eine Gemeinschaft verstanden und sich auch regelmäßig getroffen und auch die Geselligkeit praktiziert, immer verbunden mit einem Thema.

 

I: Das ist ein schöner Abschluss. Ich danke Ihnen. Wir sind nämlich schon am Ende.

 

Ende