Interview mit PD Dr. Astrid Franzke

geführt für die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V. von Kathrin Will am 3. Mai 2023 in Leipzig

Nach dem Transkript überarbeitete und redigierte Fassung von Laura Peter und Kathrin Will.

Rechte vorbehalten.

 

I: Wir führen ein Interview am 3. Mai 2023 im Louise-Otto-Peters-Archiv in Leipzig mit Privatdozentin Doktor Astrid Franzke. Ich bin Kathrin Will und außerdem anwesend ist noch Laura Peter und jetzt fangen wir an. Als Einstieg und zu Ihrem Hintergrund, würden Sie mir erzählen, welchen Bezug Sie zu Leipzig haben?

 

B: Zu Leipzig? Ja, also, ich bin 1976 aus Schwerin, da bin ich geboren und aufgewachsen, nach Leipzig gekommen, an die Karl-Marx-Universität zum Philosophiestudium und seitdem bin ich ununterbrochen in Leipzig zu Hause. Ich habe da promoviert, als Assistentin gearbeitet, und von daher ist mein Leben, meine Wahlheimat ist Leipzig. Und ich finde, Leipzig ist eine wunderschöne junge, dynamische Stadt, die lebt von der Wissenschaft, der ich mich verbunden fühle. Und vor allen Dingen ist für mich auch Leipzig eine Stadt der sozialen Bewegungen. Das ist etwas, was mein wissenschaftliches Leben, aber auch mein politisches Leben ganz stark durchzieht, etwas bewegen zu wollen, von und mit Frauen vor allem. Dieses Interesse ist insbesondere nach der Wende, also 1989, 1990 mit den gewonnenen Möglichkeiten, auch sich in Vereinen und Verbänden zu organisieren und Themen eigenständig zu setzen, gewachsen. Und da habe ich in Leipzig meinen Lebensmittelpunkt gefunden. Und natürlich ist Leipzig eine sehr internationale Stadt und eine Stadt der Kultur.

 

I: Das ist eine wunderbare Überleitung zu der Frage, wie es denn eigentlich passiert oder gekommen ist, dass Sie 1993, die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft, den Verein, mitgegründet haben?

 

B: Da habe ich natürlich nochmal ein bisschen in meinem Gedächtnis gekramt und mich darauf vorbereitet, weil ja ganz klar war, dass Sie ganz bestimmt diese Frage an mich richten würden. Zu dem Zeitpunkt der Wende, also ab 1991, war ich an der Universität Leipzig im Gleichstellungsbüro beschäftigt, das es vor der Wende noch nicht gab. Das war also eine Institution, die dann ab 1990, 1991 institutionalisiert oder gegründet wurde. Und ich war damals auf einer ABM-Stelle in diesem Gleichstellungsbüro und hatte die große Chance, im Prinzip die gesamten Gleichstellungsstrukturen von der Organisationsebene mit aufzubauen, aber vor allen Dingen eben auch inhaltlich ganz stark Themen zu setzen. Also auch im Bereich der Frauengeschichte, Geschlechtergeschichte, Frauen-Ringvorlesungen mit zu entwickeln, den ersten Gleichstellungsplan der Universität Leipzig zu entwickeln, sich in die Hochschulgesetzgebung einzubringen, wo dann natürlich das Thema Wissenschaft und akademischer Mittelbau, würden wir heute sagen, eine Rolle spielt. Und das alles hat natürlich einen Geschlechteraspekt. Also auch auf der Ebene der rechtlichen Situation, die sich ja ganz eklatant verändert hat, mitzuwirken. Und in dem Zusammenhang war natürlich die Verbindung von Universität und sagen wir mal sozialem Raum oder Stadtgesellschaft, etwas, das wir von vornherein mitgedacht haben, vor allen Dingen auch deshalb, weil das eine Zeit war, in der es einen enormen strukturellen Wandel an den Universitäten gab. Und das war verbunden mit einem großen Personalabbau. Die 90er-Jahre, das waren die sogenannten Hochzeiten in Ostdeutschland der großen Zahlen von arbeitslosen Menschen, aber vor allen Dingen auch von Frauen, auch von vielen Wissenschaftlerinnen, die sozusagen dann nicht mehr ihren Arbeitsplatz in der Universität hatten, die sehr hoch qualifiziert waren. Und das traf zuerst die Geistes-, Sozial-, und Gesellschaftswissenschaftlerinnen. Und da gehörte ich eben auch dazu und viele meiner, sagen wir mal Freundinnen, Arbeitskolleginnen et cetera. Und wir haben also natürlich für uns erst mal auch nach einer neuen beruflichen Zukunft gesucht. Aber eben nach einem neuen Betätigungsfeld. Das hatte ich vorhin schon erzählt, mit Vereins- und Verbandsgründungen. Genau. Und es war jemand in meinem Umfeld, die Johanna Ludwig, die in diesen universitären Strukturen nicht direkt mit drin war, aber es gab natürlich Verbindungen. Auch zu Ilse Nagelschmidt. Da schließen sich wieder Kreise, die sich über Jahrzehnte gehalten und entwickelt haben. Und Johanna Ludwig, die die Initiatorin der Gründung der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft war, war ja mit diesem Thema Louise Otto-Peters durch ihre Tätigkeit beim Verlag für die Frau schon vertraut. Und es gab noch eine zweite, sagen wir mal so, Gründungskomponente. Es gab ja in Leipzig auch die Pädagogische Hochschule mit dem Schwerpunkt Forschung zur Frauengeschichte der Arbeiterbewegung, der sozialistischen Bewegung, Clara Zetkin zum Beispiel. Und da gibt es ja auch Verbindungen. Die hatte Johanna Ludwig schon vor der Wende sozusagen im Blick. Aber jetzt haben wir nach neuen Möglichkeiten gesucht, diese Themen auch in die Universität zu bringen. Und in Ringvorlesungen zum Beispiel auch diese Dinge, wie die Frauengeschichte, sichtbar zu machen für die akademische Welt, aber eben immer auch für Personen, die nicht mehr in der Wissenschaft sind. Von daher habe ich also selbst immer auch schon Interesse an Frauengeschichte, Geschlechtergeschichte gehabt, hatte aber im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit nicht die Möglichkeit, das zu machen. Und als dann Johanna mit dieser Idee kam, haben wir gesagt, wir versuchen mal alle Möglichkeiten auszuloten, um da auch gut kooperieren zu können. Und ja, wir haben viele Gespräche geführt, auch zur Frage des Vereinsrechts. Was muss man… Was bedeutet das eigentlich, einen Verein zu gründen. Also ja, sieben Personen zu finden, das war vielleicht noch die leichteste Übung. Aber sie hatte natürlich den Anspruch, etwas zu tun, was wirklich auch in die Zukunft hinein tragfähig ist. Insofern wollte alles gut überlegt sein. Sie hat gründlich recherchiert. Wir waren immer wieder im Austausch. Ja, und dann haben wir letztendlich diesen Verein auch wachsen sehen. Sie hat sich an anderen Vereinsordnungen orientiert, mal Satzungen angeschaut. Wir haben auf die Paragrafen geguckt, auf die Texte und hatten letztendlich dann etwas entwickelt, wo wir der Meinung waren, ja, das kann jetzt auch diese formelle Grundlage sein. Ja, und das waren eigentlich so diese Themen, wo wir denn recht schnell auch Louise Otto-Peters sozusagen in unsere Ring-Vorlesungstätigkeit mit hineingenommen haben. Da hat beispielsweise die Ruth Götze, die an der Pädagogischen Hochschule in Leipzig tätig war an diesem Bereich der Frauengeschichte, dann einen Vortrag gehalten. Und wir haben natürlich auch gesagt, das muss verschriftlicht werden. Wir haben dann diese Reihe gegründet „Frauenforscherinnen stellen sich vor“, die über viele Jahre bestanden hatte und Möglichkeiten bot, im Prinzip zu verschiedenen Frauenpersönlichkeiten, aber auch eben zu anderen Frauenthemen, Texte in die Öffentlichkeit zu bringen. Also, das war sozusagen mein Zugang.

 

I: Und nachdem dann dieser Verein so wohl überlegt gegründet worden war, was haben Sie da für die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft gemacht? Welche Aufgaben oder vielleicht Ämter haben Sie übernommen?

 

B: Also genau, ich war kurzzeitig im Vorstand der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft. Das war nicht so lange und das war noch in dieser Anfangsphase. Und da ging es natürlich erst mal darum, die Vereinsarbeit einfach auch aufzubauen. Da ging es darum, dass wir überlegt haben, in welchen Strukturen kann der Verein arbeiten? Wie kann er vor allen Dingen auch in die Stadtgesellschaft hineinwirken und mit ihr sich gemeinsam entwickeln? Also da haben wir immer nach Möglichkeiten gesucht. Und ich habe vielleicht eine Sache sagen wir mal mit eingebracht, das ist die Verbindung aus meiner beruflichen Tätigkeit an der Universität. Im Gleichstellungsbüro hatten wir sehr enge Kontakte zur Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Leipzig, also zu Frau Lapön dann nachher, vorher zu Frau Stachorra. Also das war für uns ganz klar, dass wir die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft nur mit Unterstützung des Gleichstellungsbüros der Stadt etablieren können. Und dass wir uns da auch in den Aktivitäten gut abstimmen und gleichermaßen auch präsent sind, wenn es beispielsweise Informationsbörsen gab. Frauen-Informationsbörsen von der Stadt organisiert, da war für uns ganz klar, dass wir uns dort auch präsentieren, mit einem doppelten Auftrag sozusagen. Einmal, um die Gesellschaft selbst bekanntzumachen, aber zugleich auch, um zu zeigen, dass wir natürlich auch dieses Angebot der Stadt wertschätzen und das auch mit unterstützen wollen. Also das war so eine Ebene. Und ich habe natürlich am Anfang auch mitgewirkt, die Louise-Otto-Peters-Tage… Also ich sagte schon, Veranstaltungsformate zu entwickeln. Da haben wir sehr schnell gesagt, so einen feststehenden Termin, den wir im Prinzip als Louise-Otto-Peters-Tag begehen. Im November war das in der Regel zunächst, eine zweitägige Veranstaltung. Die haben wir langfristig vorbereitet und zunächst versucht, im engeren Sinne zu Louise Otto-Peters zu arbeiten. Also das war der Fokus am Anfang. Und dann haben wir natürlich auch geguckt, wo sitzen Forscherinnen noch: in Berlin. In Leipzig, klar, die hatten wir eher im Blick. Aber auch natürlich in den alten Bundesländern. Da haben wir sofort auch geschaut, was gibt es für Literatur über Louise Otto-Peters, wo sind die Schriften von Louise Otto-Peters? Insofern ist diese Idee des Louise-Otto-Peters-Archivs eigentlich, ohne die Bezeichnung schon zu haben in diesen ersten Jahren, da auch schon geboren worden. Dass man das gerne zentralisieren möchte, zusammenführen möchte, vor allen Dingen, weil da viel mehr als das Leben und Wirken einer Frau drinsteckt. Da bricht sich ganz viel. Und wir haben natürlich dann den Kreis immer so ein bisschen erweitert um die Mitstreiterinnen. Auguste Schmidt war dann eine Frauenpersönlichkeit, also neben Louise Otto, die langjährige zweite Vorsitzende des ADF, mit der ich mich besonders beschäftigt habe. Da ist auch diese Idee entstanden sozusagen in einem Gespräch mit Johanna Ludwig, weil ich mich, sagen wir mal so, für die Frauengeschichte immer unter sozialen und bildungsmäßigen Aspekten interessiert habe. Und deshalb lag es eigentlich auch nah, dass sich jemand dann auch um Auguste Schmidt stärker kümmert. Und da waren natürlich die Neuen Bahnen eine Fundgrube. Ich habe noch mal mein Publikationsverzeichnis angeguckt, da ist einfach auch ganz viel daraus entstanden. Also Auguste Schmidt habe ich da für mich entdeckt. Wir haben diese Frauen-Spaziergänge, das wissen Sie ja auch, entwickelt. Das war etwas, wo wir noch mal auf andere Weise, wir haben es eigentlich versucht, auf unterschiedliche Weise, auf ganz vielfältige Weise, das Leben von Louise Otto-Peters sozusagen transparent zu machen und vor allen Dingen nicht nur mit einer historischen Perspektive, sondern immer auch mit Fragen aus der Gegenwart heraus: Was sagt sie uns für unser heutiges Leben eigentlich? Und ja, da waren dann die Frauenorte auch wichtig, diese Frauenorte zu markieren in der Stadt Leipzig. Die waren unsichtbar. Und sie wieder sichtbar zu machen oder überhaupt sichtbar zu machen und auch eben die Idee, Straßen nach Louise Otto-Peters zu benennen oder Plätze, Schulen et cetera, solche Gedanken hatten wir damals auch schon. Wir haben gemerkt, dass es doch einer großen beharrlichen Lobbyarbeit, so würde man vielleicht heute sagen, bedarf. Ich mag den Begriff selbst nicht ganz so gerne, aber es war schon so. So dass wir immer wieder darauf aufmerksam machen wollten, an verschiedenen Stellen, immer wieder, auch bei Institutionen in der Stadt, in verschiedenen Bildungseinrichtungen. Wir haben die Kontakte nach Meißen geknüpft und da gemeinsame Veranstaltungen gemacht. Und das sind Dinge, die so in der ersten Zeit vor allen Dingen gereift sind. Und allmählich haben wir uns dann von den Abendunterhaltungen inspirieren lassen, was steckt da alles drin im Leben und Wirken von Louise Otto-Peters und was ist vielleicht sehr sinnvoll, es in die Gegenwart zu übertragen? Und diese Louise-Otto-Peters-Tage waren ja auch immer Bildungsorte, aber es waren gleichzeitig Orte der kulturellen, musikalischen Erbauung. Also es war immer auch beides. Das war uns wichtig. Also vielleicht so viel. Und etwas noch, was ich durch die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft und auch durch Johanna Ludwig, ein Forschungsthema, was ich noch sozusagen mit ihr gemeinsam entwickelt habe, das war die Forschung zu Ottilie von Steyber. Auch da habe ich durchaus Lust, da nochmal weiterzumachen. Jetzt vielleicht, wenn ich dann aus dem aktiven Berufsleben aussteige. (lacht leise) Ich wohne ganz in der Nähe vom Steyberweg, also vis-à-vis Luftlinie 15 Meter sozusagen vom Steyberweg. Auch etwas sehr Schönes, was ich sozusagen zu meinem Thema gemacht habe.

 

I: Sie haben ganz viele Sachen geschildert, die in diesen ersten Jahren entwickelt wurden, entstanden sind. Sind Sie stolz darauf? Würden Sie sagen, es war etwas Besonderes, was Sie da geschaffen haben?

 

B: Also auf jeden Fall. Vor allen Dingen, es war ja ein ganz kleiner Kreis. Es war ein Kernteam, könnte man sagen, um Johanna Ludwig herum. Aber sie hatte wirklich eine Gabe, mit ihrem Thema überall präsent zu sein und Menschen gezielt anzusprechen, sie zu begeistern, ja, sie anzuregen, mitzutun, mitzumachen. Und da war sie sehr, sehr hartnäckig drin, was auch auf jeden Fall positiv ist und hat auf diese Weise viel dazu beigetragen, dass tatsächlich die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft sich so sukzessive entwickeln konnte. Und ich denke, ihre Berufstätigkeit als Lektorin beim Verlag für die Frau hat natürlich nochmal eine besondere Facette mit hineingebracht. Diese Affinität und auch die Kompetenzen, mit Texten umzugehen, die einschätzen zu können, sie aufzubereiten, Interviews zu führen oder Broschüren zu erstellen, Mittel einzuwerben et cetera. Oft traf ich sie in der Straßenbahn, da hatte sie ihre Tasche und sagte „Ach, das ist ein guter Zufall. Ich habe gerade was vorbereitet und ich wäre morgen zu euch ins Büro, ins Gleichstellungsbüro, gekommen. Könnt ihr euch das mal angucken? Ich wollte diesen Antrag gerne abschicken. Entspricht der dem, habt ihr vielleicht noch andere Ideen?“ Ja, also so sind wir auf verschiedenen Ebenen immer wieder in Kontakt geblieben. Vor allen Dingen noch mal mit Blick darauf, dass es den Verein wirklich 30 Jahre lang gibt und nicht nur auf dem Papier gibt, sondern dass dieser Verein ja lebt und sich weiterentwickelt hatte. Sie sind jetzt die neue Generation, die junge Generation mit eigenen Zugängen und Ideen. Ja, also, ich glaube, was Schöneres kann man sich dann nicht vorstellen, denn es waren ja viele Unsicherheiten und Unwägbarkeiten drin. Und das ist ja etwas, was in der Vereinsstruktur auch immer noch drin ist.

 

I: Ja. Sie haben schon, neben vielen anderen Sachen, die Louise-Otto-Peters-Tage erwähnt, die Spaziergänge und die Abendunterhaltung. Ich würde an diese Veranstaltungen mal anknüpfen und fragen, gibt es Veranstaltungen, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind und wenn ja, warum?

 

B: Also es ist auf jeden Fall diese eine Veranstaltung gewesen, in Mätzschkers-Tanzsälen. Genau, dieser Louise-Otto-Peters-Tag. (überlegt) Ja, das ist etwas Nachgestelltes gewesen, wo wir ein Gespräch nachgestellt haben. Da ist jetzt auch zum dreißigsten Jubiläum darüber berichtet worden. Das müsste ich jetzt noch mal nachgucken. Also das war wirklich eine wunderschöne Veranstaltung. Da hat auch die Godula Kosack jetzt darüber berichtet. Da hatte ich nämlich unsere Tochter mit. (überlegt) Das müsste 1994 zum 175. Geburtstag von Louise Otto-Peters gewesen sein. Da war die noch ziemlich klein. Also das war ein Versuch, die Mitstreiterinnen von Louise Otto-Peters auch in persona zusammen sprechen zu lassen, mit ihren Themen, wenn man sich so an einem runden Tisch unterhält und das nachstellt. Ja, also, das war für mich wirklich beeindruckend auf dieser Bühne, wie das auch gelungen ist, das zu tun. Und dann sind es wirklich die unzähligen Louise-Otto-Peters-Tage, die wirklich Höhepunkte auch des Vereinslebens im November waren. Da hat man immer schon gewusst, an dem und dem Novemberwochenende wird das stattfinden und man musste eigentlich gar nicht so genau auf die Einladung gucken, es waren immer spannende Themen drin. Es war immer ein Teil mit historischen Themen drin. Aber, und das zeichnet, glaube ich, die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft aus, dass immer auch aktuelle Bezüge hergestellt wurden.

 

I: Auf welche Art und Weise hat sich die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft eingemischt in solche tagespolitischen Themen?

 

B: Zunächst muss man sagen, auf diesen Louise-Otto-Peters-Tagen, da waren es vor allen Dingen ja dann eben wissenschaftliche Vorträge zu gesellschaftlich relevanten Themen, also zum Beispiel zur Frauenerwerbslosigkeit in den 90er-Jahren. Da gab es ja Forschungen dazu, womit hängt das zusammen, da wurden Statistiken präsentiert. Da hat man sich Analysen angeschaut. Da zeigen sich ja Entwicklungen. Und man hat geguckt, was bedeutet das jetzt für das Frauenleben? Wie kann man auch Frauen ermutigen und befähigen, auch Umbrüche selbst konstruktiv zu gestalten? Und da war der Vereinsrahmen ja immer auch, neben so einem Bildungsort, musikalischen Erbauungsort, gleichzeitig auch so ein sozialer Rahmen, eine Stützstruktur kann man sagen, wo sich dann auch ein Kreis herausgebildet hat, von Freundinnen oder von Bekannten, die man immer wieder traf, mindestens einmal im Jahr zu diesen Veranstaltungen. Das vielleicht dazu. (lacht)

 

I: Auf die Frage nach den Freundinnen würde ich nachher noch mal zurückkommen. Sie hatten ja schon erwähnt, dass die Idee, so ein Archiv zu begründen, eigentlich von Anfang an mitgetragen wurde. Und das konnte ja 1997 auch ganz offiziell aus der Taufe gehoben werden. Können Sie uns davon erzählen, wie das Archiv eröffnet wurde?

 

B: Genau. Diese Gründung des Archivs habe ich selbst jetzt nicht ganz so aktiv begleitet, aber natürlich unterstützt. Und das wäre im Prinzip ausschließlich auf ehrenamtlicher Basis nicht möglich gewesen, sondern da hatte natürlich für diese Archivstruktur Johanna Ludwig, das kann ich nur nochmal sagen, darin ein besonderes Faible. Und sie wusste auch, wie man so etwas macht. Ja, aber es musste trotzdem umgesetzt werden. Und deshalb war von vornherein immer auch der Blick des Vereins, zu gucken, wo bekommt man finanzielle Mittel her, die es ermöglichen, so ein Archiv auch systematisch aufzubauen und es dann verfügbar zu halten? Und da sind wirklich sehr, sehr viele Bemühungen nötig gewesen, um letztendlich so etwas wie dieses Archiv dann auch ins Leben zu rufen und zu schaffen. Als es dann da war, haben wir gemerkt, dass es natürlich in die Archivstruktur, die es ja gibt, gut hineinpasste. Das ist, glaube ich, etwas, was wir vorher so gar nicht gesehen haben, dass das ja eine gute Möglichkeit ist. Wenn sich die Leipziger Archive vorstellen, dann hat man über diese Schiene eigentlich noch mal auch andere Archive. Da kann man sich vernetzen und da kann man sich auch Unterstützung holen. Und da ist es auch wichtig, dass man sich da mit hineinbegibt.

 

I: Ich würde nochmal dabeibleiben. Wie hat sich der Verein finanziert? Also können Sie das noch ein bisschen näher ausführen, welche Bemühungen da nötig waren?

 

B: Als wir dann diese Vereinsgründung realisiert hatten, da stand ja die Frage, dass so einen Verein auch einen Ort braucht, er braucht eine Möglichkeit, sich zu treffen, so, wie wir jetzt auch hier sitzen. Also das muss ja geschaffen werden. Und da haben wir eben ganz stark mit dem Gleichstellungsbüro der Stadt Leipzig zusammengearbeitet, in dieser Anfangszeit. Mit dem Kulturamt erst später, zur Finanzierung einzelner Veranstaltungen. Auch den Louise-Otto-Peters-Tag. Es sind, glaube ich, auch schon von Anfang an so ein paar Möglichkeiten darüber finanziert worden. Aber zu Anfang kamen die größten Anregungen im Prinzip, wie man so etwas auf die Beine stellen konnte, durch die Stadt. Es gab auch sehr gute Kontakte zur Frauenbibliothek, zur MONAliesA. Die gab es ja damals schon. Und auch das ist ja so eine Initiative, die nach der Wende entstanden ist. Das ist jetzt auch eine Struktur, die sich mit dem Thema Frauen beschäftigt, mit Bibliotheksschwerpunkt. Aber da gibt es ja Berührungspunkte. Und dann sind wir über Frau Lapön oder Frau Stachorra im Prinzip an die Möglichkeiten gekommen, wie macht man das jetzt, ABM-Stellen zu beantragen? Oder als die ABM-Stellen dann ausgelaufen waren, gab es noch eine Arbeitsmarktsförderung, die dann folgte. Das waren die Paragraf 249h-Maßnahmen. Das ist praktisch ein bisschen eine andere Arbeitsmarktförderung. Und die hatte ich selbst auch mal, nicht in der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft, aber in der Uni. Das waren dann keine vollen Stellen, sondern etwas reduziertere. Aufgrund der Tatsache, dass man dann ABM-Stellen beantragen konnte, musste man ein Kurzkonzept schreiben, und man musste das dann über das Arbeitsamt einreichen. Und da konnten wir uns das Know-how so ein bisschen auch bei der Gleichstellungsstelle der Stadt holen. Wir haben es dann Learning by Doing gemacht. Und in der Antragstellung, da war die Johanna Ludwig und der Verein auch sehr, sehr geschickt und sehr genau, diese Richtlinien wirklich beim Wort zu nehmen und das so zu formulieren, aus Gutachter-Perspektive (lacht kurz) geschrieben, dass das dann auch relativ gut durchging. Und das Ehrenamt war natürlich etwas, was wir da auch schon aufgebaut haben. Uns war auch klar, um da Kontinuität reinzubekommen, ist es wichtig, jemand möglichst ständig da zu haben und einen Ort zu haben. Und das war nicht so leicht, sagen wir mal, so einen Büroraum finanziert zu bekommen, über diese verschiedenen Fördermöglichkeiten, die auch die Stadt hatte. Das war eine schwierige Geschichte.

 

I: Aber der Gesellschaft ist es ja gelungen, Räume zu mieten, allerdings ja immer… Oder anders: Wir haben festgestellt, dass die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft wirklich häufig umgezogen ist, bis 2015. Können Sie dazu ein bisschen was erzählen, wieso war das so? Wie war das so? Wie sind Sie im Verein damit umgegangen?

 

B: Ja, es hing auch wieder damit zusammen… Ich muss jetzt wirklich überlegen, wo der erste Sitz war? Als wir den ersten Ort hatten, das weiß ich, das war wirklich eine ganz große Freude, dass das möglich geworden ist. Aber das sind ja alles auch Projektmittel gewesen. Das heißt, die haben einen Anfang und ein Ende. Und damit war immer wieder auch… Die Laufzeit von Projekten manchmal und Mietverträgen in den jeweiligen Gebäuden, die war durchaus nicht immer identisch. Und das hing damit zusammen, dass natürlich diese Finanzierung, klar, die konnte nicht aus Mitgliedsbeiträgen erbracht werden, sondern die musste von einem öffentlichen Träger kommen, öffentlich gefördert werden und das war immer nur befristet möglich. Bei Archiv-Geschichten, das ist ja etwas Dauerhaftes. Das ist ja nochmal eine andere Geschichte gewesen. Und deswegen ist das dann auch besser gelaufen. Oder vielleicht war es auch, weil es dann zeitlich später war? Das kann ich jetzt gar nicht so einschätzen. Aber diese wechselnden Räume hingen mit der Finanzierung zusammen, die immer nur befristet zur Verfügung stand. Und die jeweiligen Orte hat die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft sicherlich nicht alleine ausgesucht, sondern da haben wir immer versucht, in ein Vereinshaus mit hineinzukommen oder wo die Stadt schon andere Vereine gefördert hat, dort mit hineinzukommen. Und das waren zum Teil auch noch nicht sanierte Gebäude. Dann wurden die saniert, da musste deshalb umgezogen werden. Oder es gab einen Eigentümerwechsel. Auch solche Sachen spielten eine Rolle. Und ja, insofern mussten wir auch wirklich öfters umziehen.

 

I: Sie haben ja schon gesagt, dass die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft sich sozusagen in die Stadtgesellschaft eingebracht hat. Und Sie haben als Beispiel der Zusammenarbeit auch die MONAliesA schon erwähnt. Mit welchen Leipziger Initiativen hat der Verein sonst so zusammengearbeitet und wie hat das funktioniert?

 

B: Also ich sage mal so, den heutigen Begriff des Netzwerks finde ich eigentlich ganz gut und der passt wirklich zu unserem Selbstverständnis, sich tatsächlich auch mit anderen Fraueninitiativen und Frauenvereinen zu vernetzen. Und ich sage mal so ein bisschen aus meiner Biografie heraus, aus der Universität heraus waren das eigentlich zwei Vereine, die am Anfang noch mal eine größere Rolle spielten. Da gab es den Verein Alma Frauen in der Wissenschaft, das waren Wissenschaftlerinnen, die sich aus der Universität heraus dann beruflich neu orientieren mussten nach der Wende, und die aber bestimmte Themen noch mitgenommen haben beziehungsweise weiter daran forschen wollten und jetzt auch nach einer Struktur gesucht haben. Und um sich weiter untereinander austauschen zu können. Deshalb ist dieser Verein gegründet worden. Alma Frauen in der Wissenschaft wie gesagt, war in den 90er-Jahren Anfang, Mitte, Ende der 90er-Jahre relativ aktiv in der Universität und auch in Zusammenarbeit mit der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft. Und dann gab es noch den Verein, ich glaube, Frauengeschichte hieß der, der sich eher aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus der Pädagogischen Hochschule heraus gegründet hat. Da sind einige dann auch Mitglieder der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft geworden. Das ist so diese eine Ebene, die mir noch besonders in Erinnerung ist. Und auf diesen Frauen-Informationsbörsen von der Stadt haben wir uns natürlich dann an diesen Ständen auch weiter vernetzt, zum Beispiel mit dem FrauenTechnikZentrum, so dass man da auch mal Räume nutzen konnte. Also auch das ist noch etwas, was wir gut genutzt haben. Wir haben auch Kontakte zum Deutschen Frauenrat oder zum Sächsischen Frauenrat gesucht, zu den kommunalen Frauenbeauftragten, die sich auch organisatorisch zusammengeschlossen haben. Also wir haben ein ganz gutes Netzwerk aufgebaut, haben uns wechselseitig informiert und zu Veranstaltungen eingeladen. Und einzelne Personen haben mehr oder weniger stark dann innerhalb der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft mitgewirkt.

 

I: Und über Sachsen hinaus, welche Beziehung oder Kontakte hat die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft da so gepflegt?

 

B: Also über Sachsen hinaus, das war auf jeden Fall was, was wir ja dadurch, dass wir die Kontakte auch zu Wissenschaftlerinnen hatten, die aus den westlichen Bundesländern nach Leipzig gekommen sind oder in die Nähe von Leipzig, die sich schon in Vereinen und Verbänden organisiert hatten... Oder die wir aus Publikationen kannten, die wir angesprochen haben. Zum Beispiel Gisela Notz oder Ruth-Ellen Boettcher Joeres, die war uns auch bekannt, und da haben wir die Kontakte einfach aufgenommen. Wir haben sie angeschrieben und sie haben zurückgeschrieben, weil die Louise Otto-Peters auch ihr Thema war. Also, das hat auch so rum funktioniert. Und ja, dieses Netzwerk ist wirklich dann gewachsen. Auch… Berlin, hatte ich schon gesagt, der Frauenrat. Dann waren es nachher im Zusammenhang mit Archiv-Studien, nachdem sich Johanna Ludwig nochmal intensiver mit den Werken von Louise Otto-Peters beschäftigt hatte, mit den Neuen Bahnen, da gab es immer mal wieder Hinweise, wo könnten vielleicht noch mal originale Werke von Louise Otto-Peters sein? Und da tauchte dann mal Marburg auf oder verschiedene Städten. Da hat dann die Johanna Ludwig erstmal Kontakte hergestellt, über Briefe und das Anliegen dargestellt, Fragen gestellt und mitunter auch eine Reise dorthin gemacht.

 

I: Sie haben jetzt eben schon einen Namen erwähnt, und da wären wir nämlich sozusagen bei den internationalen Kontakten, nämlich, dass es ja durchaus auch Besuch gegeben hat, hier im Archiv, aus Japan und aus den USA. Können Sie uns davon erzählen, wie so diese internationalen Kontakte funktioniert haben? Wie das so war?

 

B: So weit ich mich erinnern kann, war auch das so eine Arbeit, die über Johanna Ludwig gelaufen ist. Sie hat wirklich, sagen wir mal so, im Umfeld von Louise Otto-Peters geguckt, welche Persönlichkeiten haben da eine Rolle gespielt? Und sie hat dann auch recherchiert, in welchen Ländern gibt es dazu Forschung? Da hat man ja dann immer, wenn man veröffentlicht, im Literaturverzeichnis geguckt, wer hat dazu etwas veröffentlicht und diese Personen dann auch gezielt angeschrieben. Ja, so sind dann diese Kontakte zustande gekommen. Auch über Ilse Nagelschmidt ist da noch einiges, was die Kontakte in die USA betrifft, gelaufen.

 

I: Sie haben ja schon erzählt, dass es durchaus Mitstreiterinnen gab, die aus Westdeutschland mit in den Verein gekommen sind. Und mich würde interessieren, wie haben Sie so diese Kolleginnen oder Aktivistinnen erlebt? Und wie war das Verhältnis untereinander?

 

B: Also, dazu habe ich mir ein paar Gedanken gemacht. Ich fand das wirklich eine sehr wichtige Frage, denn das waren ja ganz große Veränderungsprozesse, die natürlich im Osten Deutschlands größer waren als im Westen. Und wir haben Anfang der 90er-Jahre viele Kontakte herstellen können, die auf Initiative von Kolleginnen aus den alten Bundesländern entstanden sind. Also auf der universitären Ebene zum Beispiel gab es Landeskonferenzen für Hochschul-Frauenbeauftragte, die sich im Westen in den 90er-Jahren gerade gebildet hatten. Also ein Zusammenschluss auf Landesebene. So etwas Analoges haben wir dann hier in Sachsen gemacht. Da waren wir von der Universität Leipzig ganz stark dabei, diese Strukturen aufzubauen und dann auch davon zu lernen, wie macht man so etwas, wie kriegt man da auch wieder eine Finanzierung hin? Da haben wir zuerst mit der Deutschen Gesellschaft zusammengearbeitet, ganz intensiv. Die hat uns auch viele Jahre diese Konferenzen finanziert. Nachher gab es andere Möglichkeiten, weil dann diese Landeskonferenz zum Glück in das sächsische Hochschulgesetz gekommen ist. Ja, also, das waren so Möglichkeiten. Was bemerkenswert war, das habe ich dann Anfang der 90er-Jahre selbst so deutlich wahrgenommen, ist, dass in den strukturellen Gleichstellungsmaßnahmen uns die alten Bundesländer gar nicht zeitlich so sehr vorausgegangen waren. Denn die erste Gleichstellungsstelle im öffentlichen Dienst an einer Einrichtung gab es 1985 in Hamburg. Das ist also wirklich nur circa fünf, sechs Jahre früher. Das heißt, da war der Erfahrungsvorsprung real gar nicht so groß. Aber gefühlt war er riesig, weil natürlich dieser ganze Subkontext sozusagen einer anderen Gesellschaft, da ja mit hineingeflossen ist, den, glaube ich, konnten uns die Kolleginnen aus den alten Ländern gut vermitteln. Was bedeutet es, auch unter veränderten Bedingungen im Prinzip jetzt so eine Vereinsarbeit aufzubauen? Es war einerseits so, uns zu zeigen, was gibt es auch für Möglichkeiten und gleichermaßen hatten wir aber die Aufgabe, das noch einmal zu spiegeln, mit unseren ganz anderen Bedingungen. Und das war durchaus auch spannungsgeladen. Wir mussten uns erst einmal kennenlernen. Da waren viele Tagungen nötig, Ausstellungen et cetera, was man so alles zusammen gemacht hat, um zu sehen, wie ist da die Sicht auf diese Dinge? Und da sind natürlich durchaus auch große Unterschiede deutlich geworden, auch im Selbstverständnis der Rolle der Frau in der Gesellschaft. In der Bundesrepublik, in der größer gewordenen Bundesrepublik, welche neuen Möglichkeiten sind da? Wie bewertet man aber auch die Möglichkeiten der Frauen in der DDR, die sie hatten? Wie steht man zu den Dingen? Da wurden wir sehr oft auch nach bestimmten Dingen gefragt: „Wie habt ihr das wahrgenommen, gab es da Zwänge?“ Also zur hohen Erwerbstätigkeit der Frauen im Osten: „War das ein Wunsch oder war das eher, dass man eine gesellschaftliche Norm verinnerlichen musste und konnte man gar nicht anders? Und wie ist auch das Verhältnis zu den Männern? Das Geschlechterverhältnis? Haben wir etwas anders wahrgenommen als in den alten Bundesländern?“ Sagen wir mal, etwas kooperativer. Wir haben natürlich auch diese Pyramide gesehen, aber die war flacher, also je höher die Statusgruppe desto geringer der Frauenanteil, das war auch in der DDR so. Aber die Hierarchien waren flacher, und insofern gab es andere Möglichkeiten, da noch mal… Wir waren einfach mehr Frauen, die dann doch in bestimmten Führungspositionen angekommen waren. Und damit war eine andere Diskussionskultur, Kommunikationskultur da. Und das sozusagen zu vermitteln und darüber zu reflektieren, das war wichtig, aber es war kein einfacher Schritt. Also genau, das war mir noch einmal wichtig, zu sagen. Und vielleicht noch etwas, was tatsächlich für mich eine ganz positive Erfahrung war, auch wieder zusammenhängend mit der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft. Ein großes Thema, hatte ich schon mehrfach gesagt: Frauenerwerbstätigkeit in den 90er-Jahren. Wie kommen Frauen sozusagen wieder dazu, selbständig zu erwerben? Nur wer selbstständig für sich erwerben kann, kann sein Leben in eigene Hände nehmen, ist unabhängig. Wie ist es wieder möglich? Und da wurde natürlich eine Schrift von Louise Otto-Peters für uns besonders relevant, die Schrift nämlich, „Das Recht der Frauen auf Erwerb“ 1866. Und das war eine der ersten Publikation, die wir 1996, 1997 ist sie dann erschienen, neu herausgegeben haben. Und da war die Idee von Johanna Ludwig, wenn wir diese Schrift jetzt wieder neu herausgeben, dann sollten wir sie mit einem aktuellen Vorwort oder Nachwort versehen. Also das in die Zeit stellen und mit unseren Themen und Fragen verbinden. Da fragte sie mich, kannst du dir das vorstellen, da mitzuwirken? Da habe ich sofort ja gesagt und ich war dann mit ihr gemeinsam federführend dabei. Und dieses Ost-West-Thema auch noch einmal da reinzunehmen. Und da habe ich Gisela Notz erstmals kennengelernt und dann natürlich auch intensiver näher kennengelernt. Gisela Notz kannte ich auch von den Forschungen her und wusste, was sie macht. Und da gab es ja Schnittmengen. Und insofern, sie ist auch sehr frühzeitig in die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft gekommen und sie ist durchgängig immer aktiv gewesen, haben wir sie gefragt, ob sie sich vorstellen kann, dass wir sozusagen nicht zwei Nachworte schreiben oder eine von uns schreibt ein Vorwort, die andere ein Nachwort, sondern dass wir ein gemeinsames Nachwort oder Vorwort schreiben. Daraufhin hat sie gesagt: „Das finde ich eine tolle Idee. Das machen wir.“ Der Punkt war, wir beide kannten uns nicht und wir haben nur miteinander telefoniert und haben uns so eine Struktur überlegt für dieses Nachwort und haben das dann als gemeinsames geschrieben. Das war für mich eine wirklich tolle Erfahrung, dass man mit ganz unterschiedlichen Zugängen, etwas Gemeinsames machen kann. Nicht nur, dass etwas nebeneinandergestellt wurde], das hätten wir ohne Probleme gekonnt. Aber hier war ja der Austausch da, so, dass es wirklich nicht als zwei Nachwörter gelesen wird, sondern als eins. Und das fand ich sehr schön, dass wir diese Aktualität ähnlich bewertet haben und gesehen haben und dass da natürlich auch das Thema Frauenerwerbstätigkeit immer mit Bildung verbunden ist. Und das ist ja etwas, was die Frauenrechtlerinnen um Louise Otto-Peters im Prinzip immer mitgedacht haben und was ja die Gesellschaft auch durchzieht. Genau, das war für mich noch mal wichtig, dass wir das machen konnten. Und natürlich dann die vielen Veröffentlichungen, immer zu dem Louise-Otto-Peter-Tag das „LOUISEum“. Das waren ja immer gut redigierte Veröffentlichungen, auch wenn man heute vielleicht sagt, dieses A4-Format ist eher nicht so üblich. Aber wichtig finde ich immer noch, was drinsteht. Und das Format ist dann den Bedingungen geschuldet.

 

I: Apropos Bedingungen. Es ist ja schon deutlich geworden, dass das Wirken, auch in der erweiterten Bundesrepublik unter gewissen Bedingungen stand. Was mich noch interessieren würde, ist, vielleicht auf so einer anderen Ebene, wie Sie die Bundespolitik bezogen auf Frauen in den Neunzigern erlebt haben?

 

B: Ich habe sie so erlebt, dass im Prinzip das Thema Frauen und Erwerbstätigkeit eine untergeordnete Rolle gespielt hat. Also das war etwas, was tatsächlich im Sinne der Rolle der Frau als Zuverdienerin oder im Sinne von Teilzeittätigkeit oder Nebentätigkeit bestenfalls so eingeordnet worden ist. Und damit war auch eine große Differenz zwischen der gelebten Praxis für die Frauen, die jetzt eine Vollzeiterwerbstätigkeit hatten und dabei auch noch Familie hatten. Und dass also dieses Thema der Vereinbarkeit von Familie und Beruf für sie etwas war, was nicht so stark individualisiert worden ist, wie wir das dann erlebt haben, sondern wo es auch gesellschaftliche Strukturen dafür gab, dass man dieses Modell leben konnte. Und da ist aus meiner Sicht viel zu wenig passiert, um einfach zu gucken, was haben wir für Möglichkeiten hier auch schon in gelebter Praxis da, die jetzt verloren gehen? Was macht das auch mit den Menschen? Und wie kann man Strukturen aufbauen, die für Frauen sozusagen wieder eine berufliche Perspektive eröffnen? Das war in den 90er-Jahren aus meiner Sicht nicht im Fokus. Und wir haben, beispielsweise als ich dann von der Universität Leipzig an die HTWK Leipzig gewechselt bin, ein Projekt eingeworben und wir haben für die sächsische Gleichstellungsministerin 2000 einen Frauen-Report erstellt. Also da geht es um die Situation der Frauen in den 90er-Jahren. Das hatte sie dann letztendlich auch als Grundlage für ihre Regierungserklärung zum Thema Gleichstellung genommen. Also das war wirklich ein größeres Forschungsprojekt. Und da haben wir vor allen Dingen auch noch mal an Zahlen deutlich machen können, wie tatsächlich der Einbruch, auch in der Erwerbstätigkeit durch alle Branchen gehend, besonders die Frauen getroffen hat. Ja, und die Frauenerwerbstätigkeit war im Prinzip lange sehr, sehr hoch. Ich habe mich ja dann auch mit den Gleichstellungsgesetzen beschäftigt und mit den rechtlichen Regelungen für Frauen. Und da habe ich eben festgestellt, dass vieles nicht mit der Nachhaltigkeit dort formuliert ist. Also wenn es an die Umsetzung ging, dann waren das eigentlich Dinge, die waren nicht bis in die Umsetzung hineingedacht und sie mussten sich erst allmählich entwickeln. Da haben wir auch wieder gesehen, dass die Einflüsse, die Gesetzgebung für Frauen zu verbessern, in der Bundesrepublik immer wieder von außen gekommen sind, also durch die EU-Gesetzgebung. Die skandinavischen Länder, die haben da wirklich einen Gleichstellungsvorsprung. Wir haben auch einen Gleichstellungsvorsprung in den Ländern am Frauenanteil, zum Beispiel in der Türkei in bestimmten akademischen Berufen. Das würde man nicht vermuten, teilweise ist er dort höher als bei uns. Wo wir noch ganz andere gesellschaftliche Strukturen haben. Wenn man jetzt Demokratien vergleichen würden, würde natürlich die Türkei viel schlechter abschneiden, aber bezogen auf diese Frage, wenn man die mal so selektiert, scheint es da Mechanismen zu geben, wo es besser gelungen ist. Und ich finde tatsächlich, dass die Hälfte der Menschheit da nicht gut berücksichtigt wurde und deshalb es natürlich auch wichtig ist, über verschiedenste Frauenvereine immer wieder in die Öffentlichkeit zu treten und eben auch Fragen zu stellen, zu thematisieren, in die Aktivität zu gehen. Und wenn etwas passiert, wie beispielsweise das Henriette-Goldschmidt-Haus, das es nicht mehr gibt als ein Leipziger Ort der Frauenbewegung. Da hat die 95-jährige Henriette Goldschmidt noch drin gewohnt. Und das ist ja ein Stiftungshaus gewesen. Und die Stiftung hat die DDR-Zeit überlebt, da ist auch die DDR nicht rangegangen. Und dann passiert es im Prinzip im Jahr 2000, dass durch mehr oder weniger nicht ganz aufgeklärte Umstände, Verkauf und dann nachher eine geplante Straße, die dort verbreitert werden sollte, dann dieses Projekt tatsächlich nicht realisiert wurde. Aber das Haus ist verloren gegangen. Und wir haben ganz, ganz viele Unterschriften gesammelt von der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft. Überall in der Stadt sind wir gewesen, wo wir die Leute finden konnten. Wir haben die Stadtverordneten, die verschiedenen Fraktionen in die Verantwortung genommen. Wir sind zum Oberbürgermeister gegangen et cetera. Und das hat leider nichts genutzt. Also das zeigt uns, dass es nach wie vor wichtig ist, diese Themen in die Öffentlichkeit zu bringen.

 

I: Bleiben wir mal beim Henriette-Goldschmidt-Haus. Uns ist hier im Archiv aufgefallen auf Fotos zu diesen Aktionen, die sie für den Erhalt gemacht haben, dass da immer wieder diese Aktionen so gestaltet waren, dass Kinder daran teilnehmen können. Können sie uns sagen, warum?

 

B: Naja, zum einen war es ja für uns so, dass viele Frauen, einfach ihre Kinder mitgenommen haben, wenn es Veranstaltungen von der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft gab. Also meine Tochter war auf ganz vielen Frauenspaziergängen und so weiter immer mit. Das war das eine. Und das andere ist natürlich, Henriette Goldschmidt selbst steht ja für die Kindergartenbewegung als eine wichtige soziale Bewegung, wie die Ausbildung von Kindergärtnerinnen. Dass man also auch diese Aufgabe der Erzieherin im Prinzip professionalisieren muss, dass die Mutterrolle nicht automatisch identisch ist mit einer Erzieherinnenrolle. Und dass eine professionelle Kindererziehung etwas Wichtiges für die Kinder ist und auch den Frauen die Erwerbstätigkeit ermöglicht. Während die Kinder im Prinzip in Kindereinrichtungen nicht nur eine Aufbewahrung, sondern auch Bildungsangebote haben. Also deswegen gehörte das für uns zusammen. Und das widerspiegelt vielleicht ein bisschen die Sozialisation oder das Selbstverständnis, das also auch Familie mit dazu gehört. Wenn man Familie hat, lässt man die nicht zu Hause, wenn jetzt so eine Veranstaltung stattfindet. Und ich glaube, es ist einfach auch der Generation von jüngeren Frauen geschuldet, die dann auch Kinder hatte, die man nicht alleine zu Hause lassen konnte, wenn man zu solchen Aktivitäten gegangen ist.

 

I: Vielleicht können wir dabeibleiben und Sie würden uns vielleicht noch einmal einen Einblick geben, wie war so das Verhältnis zwischen Ihrer Familie jetzt bezogen auf ihr Engagement für die Louise-Otto-Peter-Gesellschaft? Sie haben schon erwähnt, Ihre Tochter ist dort so mitgekommen. Vielleicht könnten Sie da noch ein bisschen was dazu sagen?

 

B: Ja. Also auf jeden Fall ist es so gewesen, dass ich meine Tochter gerne mitgenommen habe. Klar, auf diesen Spaziergängen sowieso, aber auch manchmal zu Veranstaltungen. Es war auf jeden Fall immer so, dass man das Gefühl hatte die Kinder gehören dazu. Also sie störten nicht oder sind zu viel. Von daher habe ich sie dann immer, wenn ich die Termine hatte, das sind ja einige dann am Wochenende gewesen, gerne auch mitgenommen, um sie so ein bisschen heranzuführen. Also beispielsweise, wenn wir im Rosental waren. Das war wirklich auch schön bei diesem großen Denkmal, da hat sie immer gerne mitgemacht. Da ist ja auch noch der Spielplatz, den haben wir vorher oder nachher noch mal angeguckt. Oder sie ist gerne spazieren gegangen. Man kam dann auch ins Gespräch. Eine Kollegin hatte auch ihr Kind mit, dann haben die miteinander was gemacht. Von daher war das irgendwie etwas, was nicht nur mich betraf, sondern auch meine Familie. Ja. Und wir haben, vielleicht kann ich das auch noch erzählen, das hat überwiegend mein Mann gemacht, aber ich habe ihn dann auch mit unterstützt, die Leipziger Gesellschaft für Politik und Zeitgeschichte gegründet. Die hat nicht so lange bestanden, aber es war auch in den 90er-Jahren. Und da haben wir ein oder zwei Hefte zu Frauenthemen gemacht, wo die Johanna das auch mit herausgegeben hat. Und dadurch kannte mein Mann jetzt auch die Johanna Ludwig und ich kannte Wolfgang Ludwig von der Uni (lacht leise), aus der Journalistik. Also von daher waren wir dann immer auch sozusagen so ein bisschen als Familien mit präsent.

 

I: Danke. Wir kommen noch einmal zurück zum Henriette-Goldschmidt-Haus. Sie haben ja schon gesagt, das Haus konnte nicht erhalten werden, es wurde abgerissen. Wie haben Sie das erlebt? Und würden Sie sagen, dass es die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft verändert hat?

 

B: Also auf jeden Fall haben wir von der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft, denke ich, wirklich alles, was möglich war, getan, um aufmerksam auf dieses Thema zu machen. Und es sind ja wirklich auch sehr, sehr viele Unterschriften zustande gekommen. Also das ist etwas, was auch noch mal die Gesellschaft unter diesem Aspekt in die Öffentlichkeit gebracht hat. Und da muss man hinzusagen, spielte eine Rolle, das Johanna Ludwig von Anfang an sehr gute Beziehungen nach wie vor zur Leipziger Volkszeitung hatte. Und wenn man das sich mal anguckt, wie oft die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft mit Beiträgen, mit Anzeigen, mit kleineren Informationen zu Veranstaltungen in der Leipziger Volkszeitung war, dann kann man sich das nur so erklären, dass sie also wirklich diese guten Kontakte noch hatte und da auch Möglichkeiten genutzt hat, um auf dieses Thema aufmerksam zu machen. Und ja, die Frage, ob das jetzt die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft verändert hat… Also insofern: nach wie vor wird wahrscheinlich jedes Mitglied oder jede Person, die sie aus dieser Zeit befragen, sicherlich sagen, das war eine unserer wichtigsten Aktionen. Aber da mussten wir sehen, die war, wenn wir das Ergebnis angucken, leider nicht erfolgreich. Und wenn man sich sehr engagiert und das nicht erfolgreich ist, hinterlässt das natürlich auch Spuren. Aber ich meine, ich würde es so einschätzen, dass es nicht dazu geführt hat, dass wir gesagt haben, das hat überhaupt keinen Zweck, sich zu engagieren, wir ziehen uns zurück. Wir haben da viele Kräfte gelassen. Das haben wir auch. Aber wir waren auch im Nachhinein der Meinung, das war unbedingt notwendig, zu tun. Und das hat jetzt unsere Aktivitäten nicht gemindert. Also wir haben uns danach ja immer wieder eingebracht. Am 08. März, zum Frauentag etwas zu machen und das auch mit anderen Frauenverbänden auf verschiedenen öffentlichen Plätzen in der Stadt, uns immer wieder auch zu beteiligen an Aktionen und auch Themen anzusprechen.

 

I: Bleiben wir gleich mal beim 08. März und gehen wir ein bisschen zurück in der Zeit. Es gab 1994, am 08. März den ersten Frauenstreik in Deutschland oder auch Frauenprotesttag. Erinnern Sie sich daran? Und wenn ja, was ist Ihnen davon noch im Gedächtnis geblieben?

 

B: Also, ja, an den ersten Frauenstreiktag kann ich mich noch erinnern. Also ich weiß auf jeden Fall, dass wir im Rahmen der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft darüber gesprochen haben, wie wir uns beteiligen. Also, dass wir uns beteiligen, war ganz klar. Ich meine, es haben auf dem Augustusplatz größere Aktionen stattgefunden. Und ich selbst bin auch dort gewesen. Also das war eben auch der Situation geschuldet, dass das Thema Rechte der Frauen vor allen Dingen im Bereich der Erwerbstätigkeit etwas war, was einfach im Vergleich zu der Zeit, die wir in der DDR erlebt haben, einen völligen Bruch darstellte. Und dass man deshalb auf dieses Thema aufmerksam machen musste. Und diese Form... Also man muss sich immer wieder neue Formen überlegen. Welche Formen kann man wählen, um etwas in die Öffentlichkeit zu bringen? Und da war das der Versuch, das zu tun. Wie ich heute auch die Initiative gut finde, den 08. März zum Feiertag zu machen. In Berlin ist das so, da ist der 08. März eben ein Feiertag und das finde ich vom Symbol her schon etwas sehr Wichtiges.

 

I: Eine wichtige Institution, über die wir gestolpert sind, hier im Archiv, die auch heute noch besteht, ist die AG Frauenprojekte hier in Leipzig. Können Sie uns was darüber erzählen? (B: Nein, ich glaube, ich hatte nicht mit der AG Frauenprojekte zu tun. Nein.) Kein Problem. Dann wechseln wir mal komplett das Thema. Sie haben vorhin etwas erwähnt, nämlich, dass FrauenTechnikZentrum hier in Leipzig. Hatten Sie dahin Kontakt und wenn ja, wie sah der aus? Und ja, können Sie uns davon etwas erzählen?

 

B: Also FrauenTechnikZentrum: da hatten wir Kontakte, die auch über Frau Lapön gingen, die ja früher dort gearbeitet hat. Von daher war das FrauenTechnikZentrum auch immer auf diesen Informationsbörsen und es waren einige Frauen bei den Louise-Otto-Peters-Tagen mit dabei und immer auch bei Ausflügen. Also diese Idee, die Kompetenzen auch von Frauen in den Ingenieurswissenschaften und im Zuge der Computertechnik, diese Qualifikationen präsent zu halten oder Anschlussqualifikation zu erwerben und da für Frauen besondere Räume zur Verfügung zu stellen, das haben wir wirklich auch mit unterstützt von der Idee her, weil das ja dazu geführt hat, dass Frauen da am Computer üben konnten, sich gut vorbereiten konnten, auch um eine entsprechende Abschlussprüfung dann zu bewältigen. Das waren also wirklich sehr zeitgemäße und wichtige Unterstützungsstrukturen. Deswegen finden wir es auch sehr schön, dass es das jetzt noch gibt, das FrauenTechnikZentrum. Es hatte einen sehr großen Zulauf, auch gespeist über die vielen Weiterbildungsprojekte, die es ja am Anfang der 90er-Jahre gab. Da haben auch Frauen profitiert, die natürlich die Qualifikation haben, um direkt auch auszubilden. Das war ja eine Möglichkeit für sie, tätig zu werden, nicht nur als Lernende, sondern auch, um ihre Qualifikation und ihr Wissen weiterzugeben.

 

I: Computer wurden immer wichtiger in den 1990er-Jahren. Und so ist dann ja auch hier ins Archiv irgendwann ein Computer gekommen. Und um das Jahr 2000 herum ist auch die erste Internetseite der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft online gegangen. Können Sie uns davon erzählen, wie das so war?

 

B: Genau. Das hatte ich vorher schon gesagt, dass ich diesen Aspekt mit der Digitalisierung, tatsächlich nicht mehr so genau mit verfolgen konnte. Also 2000 war für mich das Jahr, da hat dann mein Arbeitsvertrag an der HTWK Leipzig geendet. Und damit war für mich dann auch die Frage, wie ich mich jetzt neu beruflich aufstelle, was ich machen kann? Und deswegen war 2000, 2001 für mich so eine schwierige Zeit. Und ich bin dann im Herbst 2001 nach Hildesheim an die Universität gewechselt. Deswegen bin ich seit 2001 beruflich bis 2007 an der Universität Hildesheim gewesen und dann von 2007 bis jetzt an der Goethe-Universität in Frankfurt. Und damit konnte ich dann solche Entwicklungen der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft nicht mehr so genau verfolgen, auch wenn das aus heutiger Sicht bei der Digitalisierung gut möglich sein müsste. Aber damals war das natürlich mit dem Einstieg dann an eine Universität in den alten Bundesländern und so weiter, da meine Familie hier weiterhin war, auch privat ein großer Spagat. Und deswegen habe ich das im Prinzip nicht so richtig mitverfolgen können. Aber natürlich dadurch, dass ich Mitglied bin, habe ich ja die entsprechenden Informationen bekommen zumindest, nicht immer zeitnah, aber irgendwann habe ich sie zur Kenntnis genommen und habe dann natürlich gesehen, dass hier auch die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft weitergekommen ist, sozusagen mit der Zeit gegangen ist.

 

I: Und jetzt mal unabhängig davon, was dann genau in dem Archiv los war, würden Sie sagen, vielleicht auch so aus professioneller Perspektive, dass sich Chancen durch diese Arbeit mit dem Computer und mit dem Internet eröffnet haben? Und wenn ja, welche? (B: Jetzt für das…?) Allgemein.

 

B: Auf jeden Fall. Auf jeden Fall. Also zum einen natürlich für die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft und für alle anderen Gesellschaften ist es ja gar nicht mehr anders möglich gewesen, dann auch sich zu vernetzen und die Kommunikationsmöglichkeiten zu erweitern, tatsächlich auch in alle Welt zu kommunizieren, also zumindest von der Möglichkeit her. Das ist ganz klar. Und vor allen Dingen, dass dann auch Frauen da natürlich einen Zugang finden müssen, um dieses Medium für sich selbst gut zu nutzen. Und ich denke für die Sichtbarkeit des Vereins, für die Kommunikationsstrukturen ist das sehr, sehr wichtig gewesen, diese Digitalisierung auch anzunehmen, als eine Herausforderung. Und ich sehe sie aber auch tatsächlich als eine Chance. Man hat die Möglichkeit, sich mit kleinen Texten und mit Informationen zu platzieren. Eine gut aufgebaute Website ist immer einladend für potenzielle Interessentinnen und Mitstreiterinnen. Ein Verein lebt vom Engagement der Mitglieder. Und ja, klar, die Mitglieder sind immer so eine große Ressource. Aber die Mitglieder werden auch älter und da stellen sich dann auch Generationsfragen. Es heißt ja immer auch, sich neu wieder aufstellen zu können. Und ich glaube, da ist die Digitalisierung unverzichtbar. Oder, was wir jetzt durch die Corona-Zeit da an Möglichkeiten sehr schnell erlernen mussten, zunächst mal, weil wir anders hätten gar nicht arbeiten können, das hat ja gleichzeitig gezeigt, dass vieles, auch die Nach-Corona-Zeit überdauert, weil es wirklich so bahnbrechende, neue Möglichkeiten der Kommunikation und der Diskussion, auch der Interaktion eröffnet. Ich hätte mir nie vorstellen können, zweitägige Blockseminare online zu machen. Ja, aber das funktioniert. Das funktioniert technisch und inhaltlich. Also ja, da wächst man noch im reiferen Alter an solchen Herausforderungen. Das ist ja auch was Schönes.

 

I: Mitstreiterinnen, haben Sie eben gesagt, die zu gewinnen. Und da würde ich noch einmal auf die Mitglieder der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft kommen und mal fragen, ob Sie, Sie haben ein, zwei Namen genannt, die schon vorher teilweise kannten und wenn ja, woher?

 

B: Ja, also einige Personen kannte ich eben schon vorher. Ein bisschen was hatte ich schon gesagt. Einige insofern über die Literatur, wie also beispielsweise Gisela Notz, die ich auch schon zu DDR-Zeiten kannte. Man konnte ja auch was lesen in der Deutschen Nationalbibliothek. Also das war dann sehr schön, dass man sagte, die Person würde ich gerne mal kennenlernen. Und diese Möglichkeit gab es ja dann. Und die thematischen Bezüge waren da. Insofern war das eigentlich sehr, sehr einfach möglich. Wen kannte ich noch vorher? Natürlich fast alle Personen aus der Uni, Frauen vor allen Dingen. Also Susanne Schötz zum Beispiel, die kannte ich noch aus der Uni-Zeit. Ilse Nagelschmidt habe ich dann tatsächlich erst um die Wendezeit kennengelernt, auch bei verschiedene Veranstaltungen des Gleichstellungsbüros der Stadt Leipzig. Da waren ja auch verschiedene Themenrunden und da war sie mit dabei. Irina Hundt kannte ich schon vorher aus Berlin. Martin Hundt, ihren Mann. Irina Hundt. (überlegt) Aber ganz viele Frauen habe ich dann auch über diese Initiativen kennengelernt. Über die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft selbst, die Johanna Ludwig angesprochen hat, auch aus dem Umfeld, wie gesagt, der Pädagogischen Hochschule oder eben dann auch Frauen, die über Projektstellen hier reingekommen sind, wie zum Beispiel Frau Kunze, ohne die dieses Archiv gar nicht existieren würde, die akribisch immer wieder alles aufgearbeitet hat. Und es ist unglaublich, was sie da geleistet hat. Und sie ist ja auch über diese Dinge hineingekommen. Und ja, so hat sich dann schrittweise der Kreis im Prinzip erweitert.

 

I: Wir fragen alle unsere Interviewpartnerinnen, ob sie sagen würden, dass sie Freundinnen gefunden haben über die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft. Und Sie haben es am Anfang sogar schon erwähnt. Aber trotzdem, würden Sie sagen, Sie haben Freundinnen gefunden?

 

B: Ja, also auf jeden Fall Freundinnen, mit denen ich das Thema Frauen der ersten bürgerlichen Frauenbewegung im weitesten Sinne und deren Umfeld teile und die mich da interessieren. Und da würde ich Susanne Schötz dazu zählen, aber natürlich Ilse Nagelschmidt. Freundinnen im weitesten Sinne. Und eine ganz gute Vertraute ist eben Genka Lapön aus diesen Anfangszeiten. Denn wir haben viele Dinge gemacht, da gab es noch wenig finanzielle Mittel, und da war einfach noch mehr Engagement nötig, um die Dinge auf den Weg zu bringen. Und, tja, das sind doch so Beziehungen, wie gesagt, auch wenn ich sie 20 Jahre nicht so intensiv pflegen konnte. Wenn ich dann zum 30-jährigen Jubiläum komme und sie dann wiedersehe, dann ist es so, als hätte man sich gerade verabschiedet. Also, dass meine ich jetzt so in diesem Sinne von Freundschaft, also von Gleichgesinnten, von Personen, mit denen man sehr gerne auch etwas macht, auch Zeit verbringt. Das sind Themen, die mir auf den Nägeln brennen. Und mir hat tatsächlich in den letzten Jahren, da wirklich die Zeit gefehlt, um mich intensiver mit den Themen selbst auseinanderzusetzen. Aber ich hoffe, dass mir die Zeit bleibt, um das noch weiter zu tun. (lacht leise)

 

I: Das hoffe ich auch. Ich würde so ein langsam zum Ende kommen. Und mich würde noch interessieren, Sie haben schon gesagt, dass Sie viel in den Neuen Bahnen als Quelle genutzt haben, auch für Publikationen und sich besonders für Ottilie von Steyber begeistern. Und ich würde aber so ganz grundsätzlich noch mal fragen, welchen Einfluss hatte die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft auf Ihre wissenschaftliche Tätigkeit?

 

B: Also, das kann ich wirklich sagen, dass durch die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft zu meiner wissenschaftlichen Schwerpunktsetzung, nochmal ein neuer Schwerpunkt hinzugekommen ist. Das kann ich wirklich so sagen. Ja, und das sind die Frauen um Louise Otto-Peters, vor allen Dingen Auguste Schmidt und Ottilie von Steyber. Aber klar, man guckt doch natürlich im Umfeld. Henriette Goldschmidt, das ist, finde ich auch eine sehr spannende Persönlichkeit. Und Abraham Meyer-Goldschmidt, wenn man sich für das jüdische Leben in Leipzig interessiert], das ist ein Thema, das die Stadt sehr zentral betrifft. Wenn man sich dafür interessiert, dann hat man da auch wieder Bezüge. Und Henriette Goldschmidt eine Persönlichkeit, die man auch unter dieser Facette sehen kann, Pädagogin, Erzieherin, aber auch von ihrer jüdischen Herkunft her.

 

I: Und würden Sie sagen, dass sich auch mit der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft Ihr Verhältnis zu gegenwärtigen frauenpolitischen Fragen verändert hat?

 

B: Also es ist auf jeden Fall für mich ein Diskussionsforum gewesen in diesen ersten zehn Jahren, auf die wir uns ja beziehen, ab 1993, das ganz wesentlich auch meine eigenen Reflektionen und Sichtweisen auf das Thema Gleichstellung der Geschlechter, Gleichstellung von Frauen in der Wissenschaft spiegelt. Sagen wir mal, Karrierehindernisse, Karriereaufstieg und auch die Frage von politischer Aktivität, um sich für Fraueninteressen einzusetzen, dass das Dinge sind, die durch die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft ganz stark mitgeprägt worden sind. Und insofern habe ich, auch wenn ich hier in Leipzig in den letzten 20 Jahren tatsächlich nicht mehr so viel machen konnte… Aber meine Kolleginnen in Hildesheim und auch in Frankfurt, wissen, dass ich für dieses Thema brenne und wo immer ich auch Möglichkeiten habe, dann bringe ich auch diese Zusammenhänge. Ja, also, das ist wirklich etwas, was meine Wissenschaftsbiografie, aber mich auch als politischer Mensch sozusagen nachhaltig geprägt hat. Und wo ich auch immer wieder sehe, der Blick in die Geschichte, die Auseinandersetzung mit diesen Themen, wie haben Frauen ihre Rechte in ihrer Zeit erlebt und wie haben sie diese Rechte formuliert? Wie haben sie darauf aufmerksam gemacht? Wie haben sie darum gekämpft? Welches waren ihre Netzwerke? Was haben sie gemacht? Die unendlich vielen Petitionen. Ein großes Thema, das ich bearbeitet habe, das ist das Frauenstudium auch an der Universität Leipzig. Und da kann man eben sehen, dass die Absolventinnen der Real-Gymnasialkurse des ADF, dass ein Teil dieser Personen, sich dann unter den ersten Studentinnen der Leipziger Universität wiederfinden. Das kann man an den Matrikel-Verzeichnissen ab Sommersemester 1906 nachweisen. Also das, was der ADF sich einmal gedacht hat, Frauen über Bildung, Berufsausbildung bis hin zur akademischen Bildung, ihnen durch diese Bildung Berufsabschlüsse und darauf basierende Erwerbstätigkeit zu ermöglichen, das hat tatsächlich über diese Bildungsstufen funktioniert. Und dass auch nachweisen zu können, das finde ich, ist etwas ganz Wichtiges. Wie haben diese Petitionen, Jahr um Jahr dieselben Petitionen gewirkt], die dann teilweise im selben Wortlaut eingereicht wurden vom Bund Deutscher Frauenvereine in den Reichstag mit vielen, vielen Unterschriften, um das Frauenstudium zu ermöglichen. Das waren Möglichkeiten, auf dieses Thema aufmerksam zu machen. Es war nicht sofort der Erfolg da. Auch August Bebel wurde noch ausgelacht, als er mit diesem Thema im Reichstag sozusagen ankam. Die eigene Fraktion, die SPD, hat dann zunächst nicht zugestimmt. Es hat ein Mann eingebracht, aber es wurde auch zunächst nicht aufgenommen. Und dennoch immer wieder nach Wegen gesucht zu haben, wie kann man Aktionen verbreiten, gesellschaftliche Möglichkeiten für Frauen erweitern, das war eigentlich immer wieder das Ziel. Und da ist ganz vielfältig angesetzt und ganz klug auch angesetzt worden. Ja also, wenn das Argument ist, Frauen können deshalb nicht an die Universität zum Studium kommen, weil sie kein Abitur haben, dann ist die Schlussfolgerung, dass wir dann versuchen müssen als Frauenbewegung, nach Möglichkeiten zu suchen, um solche Abitur-Ausbildungsgänge zu initiieren. Ja, und da müssen wir Stiftungen gründen. Wir müssen Personen finden, die einen Teil ihres Vermögens hineingeben, wie die Luise-Lenz-Stiftung oder Henri Hinrichsen beim Henriette-Goldschmidt-Haus, bei der Henriette-Goldschmidt-Schule. Aufgeklärte Persönlichkeiten, die vermögend sind, ansprechen, um zu gucken, ob sie dieses Ziel unterstützen, im Sinne von Menschenrechten, die auch Frauenrechte sind et cetera. Und diese großen Themen durchziehen wirklich meine Wissenschaftsbiografie durch viele Veröffentlichungen. Und da bin ich mir sehr sicher, ohne diese Impulse der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft, wäre ich vielleicht nicht direkt darauf gekommen, das muss ich so sagen. Und das finde ich auch so sehr schön.

 

I: Gibt es noch etwas, wonach ich Sie nicht gefragt habe. Aber was Ihnen wichtig wäre, zu erzählen?

 

B: (überlegt) Also aus der Vergangenheit, glaube ich, haben wir sehr viele Aspekte jetzt angesprochen. Aber, was ich wichtig finde, ist tatsächlich, dass wir auch sozusagen diesen Generationenwechsel gut hinbekommen müssen, so dass die jüngere Generation ihre Themen gut platzieren kann. Denn das sind auch die Themen der Zukunft. Und dass man gleichermaßen das, was aus den 30 Jahren zuvor an Dingen da ist, die sozusagen noch mal reflektiert und guckt, was ist davon zukunftsfähig? Mit Sicherheit nicht 100 Prozent. Aber klar, in so einem Archiv zeigt sich auch ganz viel und da ist es sehr schön, dass es dieses Projekt gibt. Das war mir noch mal wichtig, zu sagen. Das finde ich sehr schön, dass es so viele junge Leute jetzt auch gibt, so viele junge Frauen, die sich in Projekten engagieren und im Vorstand Verantwortung übernehmen, für die Gesellschaft spannende Veranstaltungen organisieren, dass das auch sehr gut präsentiert ist im Internet. Inzwischen habe ich da natürlich geguckt. (lacht) Und das, finde ich, sind wirklich schöne Zeichen. Ja, da würde ich mir einfach wünschen, dass auch die Unterstützung da ist, dass die Kraft da ist. Das ist auch immer mit Ressourcen verbunden. Das ist nicht nur der Wille und das Brennen für ein bestimmtes Thema. Es muss auch insgesamt passen. Und da braucht es so verschiedene Aspekte. Und da wünsche ich wirklich uns allen, das wir da weiterhin die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft gut entwickeln können, sodass sie nach wie vor diese Sichtbarkeit behält und vielleicht noch ausdehnt. Aber die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft ist wirklich, ich glaube, einer der Frauenverbände, der in Leipzig eine große Sichtbarkeit hat. Auch unter anderen Vereinen und immer wieder mit Respekt angeguckt wird, wie es gelungen ist, über 30 Jahre diese Stabilität dann doch zu halten. Kontinuität und Wandel. Da sind auch immer mal Brüche drin, auch klar, mal schwierige Zeiten. Aber ich glaube, die Vereinsgeschichte selbst steht für eine Erfolgsgeschichte. Und da würde ich mir wünschen, dass es gelingt, die weiterzuschreiben, in die Zukunft. Und vielleicht kann ich noch ein bisschen mitwirken. (lacht)

 

I: Dankeschön.

 

Ende